Die gotische Bibel

Wulfila, die Gothi minores und das gotische Alphabet
Die Übersetzung der Bibel in das Gotische geht auf den Gotenbischof Wulfila (gest. 383) zurück. Im engeren Sinne beschränkte sich Wulfilas Tätigkeit als Bischof auf die Gothi minores, einem westgotischen Teilstamm, der auf römisches Gebiet südlich der Donau geflohen war und sich in Mösien, einer Landschaft im heutigen Bulgarien, angesiedelt hatte. Ursprünglich stammten die Goten aus dem Weichselraum, waren aber schon im Laufe des 2. Jhs. in Richtung Schwarzes Meer abgewandert. Die Ostgoten siedelten bis 375 in der heutigen Ukraine, die Westgoten im heutigen Rumänien. Um das Gotische überhaupt schreiben zu können - bis dahin hatte man nur Runen in Holz oder Stein geritzt - schuf Wulfila ein eigenständiges gotisches Alphabet, das wohl eine Verschmelzung des Runenalphabets mit der griechischen Schrift darstellt. Wulfila war arianischer Konfession. Die Bibelübersetzung des Wulfila ist - von einigen Runeninschriften abgesehen - das älteste germanische Literaturdenkmal überhaupt.1

Die Gothi minores sind im heutigen Bulgarien zurückgeblieben, nachdem die Masse der Goten nach Westen abgewandert war. Noch im 9. Jh. scheint das Gotische an der Schwarzmeerküste des heutigen Rumäniens gebraucht worden zu sein. Im 9. Jh. macht sich der Gelehrte Walahfrid Strabo in seiner Schrift Liber de exordiis et incrementis quarundam in observationibus ecclesiasticus rerum Gedanken über die Herkunft der lateinischen und griechischen Wörter im Deutschen. Die Herkunft der griechischer Wörter führt Walahfrid Strabo auf die Goten zurück. Er schreibt:

Wenn man aber fragt, bei welcher Gelegenheit diese Spuren des Griechischen zu uns gekommen sind, muss man sagen: [...] hauptsächlich von den Goten bzw. den Geten, die zu der Zeit, als sie zum Glauben an Christus bekehrt wurden - das natürlich nicht auf richtigem Wege - und in den Provinzen der Griechen verblieben, unsere, das heißt die deutsche [theotiscum] Sprache hatten. Es haben auch Gelehrte dieses Volkes, wie die Geschichtsschreibung bezeugt, nachmals die heiligen Bücher in die Eigentümlichkeit ihrer Sprache übersetzt, deren Zeugnisse sich bis heute im Besitz einiger Menschen befinden. Auch haben wir durch Mitteilung zuverlässiger Brüder erfahren, dass bei einigen skythischen [bulgarischen] Stämmen, besonders bei denen um Tomi herum, bis heute Gottesdienste in derselben Sprache gefeiert werden.2

Auf der Krim hat sich das Gotische noch wesentlich länger gehalten. Der kaiserliche Gesandte Ogier Ghislain de Busbecq konnte während seines Aufenthalts in der Türkei (1555-1562) noch Aufzeichnungen des Krimgotischen machen. Busbecq berichtet, dass das kriegerische Völkchen der Krimgoten am christlichen Glauben festgehalten habe.3 Bis 1779 soll es noch einen Metropoliten der Goten gegeben haben.

 

Der Codex argenteus (Der silberne Codex)
Die wichtigste Quelle der gotischen Bibel ist der Codex argenteus. Der Codex argenteus ist um 520 im Ostgotenreich in Italien entstanden und enthält Bruchstücke der vier Evangelien in der von der heutigen Gepflogenheit abweichenden Reihenfolge 1. Matthäus, 2. Johannes, 3. Lukas, 4. Markus.

Ursprünglich bestand der Codex aus 330 purpurrot gefärbten und mit Silber- bzw. Goldtinte beschriebenen Pergamentblättern, von denen aber nur 187 bzw. 188 Blätter erhalten sind. An der Unterseite eines jeden Blattes sind vier romanische Bögen zu sehen, unter denen die jeweiligen Parallelstellen in den Evangelien vermeldet werden. Der Codex Brixianus, ein lateinisches Evangeliar, das ebenfalls im 6. Jh. in Italien entstandenen ist, zeigt eine ganze Reihe verblüffender Übereinstimmungen mit dem Codex argenteus. Man nimmt daher an, dass beide Codices aus derselben Schreibwerkstatt stammen. Die Einteilung des Bibeltextes folgt den Sektionen des Eusebius von Caesarea.

Die Buchstaben des Haupttextes sind von solch einer Gleichmäßigkeit, dass man sich nur schwer vorstellen kann, dass diese von Hand geschrieben worden sein könnten. Vielleicht wurden die Buchstaben auf das Pergament gestempelt. Das Schriftbild des Matthäus- und des Johannesevangeliums weicht von dem des Lukas- und des Markusevangeliums ab. Vermutlich waren zwei Mitarbeiter der Schreibwerkstatt gleichzeitig mit dem Codex beschäftigt.

Die eusebischen Einteilungen am Rande hingegen, die Randglossen und Überschriften sind mit Sicherheit von Hand geschrieben. - Die lateinischen Kritzeleien sind vermutlich zum großen Teil das Werk des Franciscus Junius. - Die gotischen Zahlzeichen, die sich rechts am unteren Rand einiger Blätter finden, sind offensichtlich von derselben Hand geschrieben wie die Randglossen. (Es handelt sich um eine ursprünglich durchgehende Nummerierung. Ich gehe davon aus, dass mit diesen Nummern Hefte gekennzeichnet wurden, aus denen der Buchblock bestand. Die hinterste Einheit des Codex trägt die Nummer 39. Hat der gotische Besitzer, der die Randglossen geschrieben hat, das Buch neu binden lassen und zu diesem Zweck die einzelnen Hefte nummeriert?)

Der Codex wird Mitte des 16. Jhs. von Georg Cassander und Cornelis Wouters wiederentdeckt11. 1569 erwähnt Goropius Becanus den Codex und dessen Aufbewahrungsort im Kloster Werden in Origines Antwerpianae (S. 739-740) und veröffentlicht das gotische Vater unser in lateinischer Umschrift.12

Einer Theorie zufolge ist der Codex zur Zeit Karls des Großen nach Werden gelangt: Der Heilige Liudger hätte demnach den Codex auf Geheiß Karls des Großen in das von ihm gegründete Kloster Werden gebracht. Karl der Große war ein Bewunderer des Gotenkönigs Theoderich, - er hat in Aachen sogar ein Denkmal Theoderichs aufstellen lassen - und Liudger hat eine Zeitlang in Italien u.a. im Kloster Monte Cassino gelebt.

1597 stellt Bonaventura Vulcanius das gotische Alphabet in seinem Werk De literis & lingua Getarum sive Gothorum der Öffentlichkeit vor. Außer dem gotischen Vater unser veröffentlicht Bonaventura Vulcanius in diesem Werk noch die drei Lobgesänge im Lukasevangelium (den des Simeon, den der Elisabeth und den der Maria) im gotischen Alphabet mit lateinischer Übersetzung.13 In diesem Werk findet sich außerdem zum ersten Mal der Ausdruck Codex argenteus.

Janus Gruterus veröffentlicht 1602 in Inscriptiones Antiquae Totius orbis Romani (S. CXLVI-CXLVIII) weitere Auszüge aus dem Codex argenteus im gotischen Alphabet und mit deutscher Übersetzung, denen Aufzeichnungen Arnoldus Mercators zugrunde liegen, die dieser Jahrzehnte zuvor (vor 157310) im Kloster Werden angefertigt hat. Gruterus ist durch dessen Sohn Michael in den Besitz der Aufzeichnungen des bereits verstorbenen Arnoldus Mercator gelangt.

Der Codex geht zum Ende des 16. Jhs. in den Besitz Rudolfs II. über14 und wird nach Prag gebracht, wo er 1648 zur Kriegsbeute der Schweden wird und nach Schweden gelangt. Von dort gelangt der Codex nach Holland, wird aber bald von dem schwedischen Reichskanzler Magnus Gabriel de la Gardie zurückgekauft.15

In Holland erscheint dann auch die erste Ausgabe des Codex argenteus: 1665 veröffentlicht Franciscus Junius eine Ausgabe des Codex argenteus unter dem Titel Quatuor Jesu Christi Evangeliorum versiones perantiquae duae, Gothica scil. et Anglo-Saxonica. Franciscus Junius schreibt im Vortwort zur Ausgabe Dordrecht, 1665, dass er den Codex erst habe ordnen müssen. Wahrscheinlich hat er ihn aus Unkenntnis der gotischen Zahlzeichen in Unordnung gebracht. (Vergleiche Fußnote 10.) Jedenfalls wurde der Codex in Schweden in falscher Anordnung in einen prachtvollen, mit Silberplatten verzierten Einband gebunden, nachdem ihn De la Gardie zurückgekauft hatte.

1669 stiftet De la Gardie den Codex argenteus nebst zahlreichen anderen Handschriften und kostbaren Büchern der Universitätsbibliothek zu Uppsala. In der ersten Hälfte des 19. Jhs. wurden zehn Blätter des Codex argenteus (allesamt aus dem Markusevangelium) aus der Universitätsbibliothek entwendet, aber um die Jahrhundertmitte von einem ehemaligen Mitarbeiter der Bibliothek kurz vor seinem Tode zurückerstattet.16

1970 wird bei Bauarbeiten im Dom zu Speyer ein weiteres Blatt des Codex argenteus entdeckt.4

Ein Blatt aus dem Codex argenteus
Ein Blatt aus dem Codex argenteus (Markus III, 27-32). Quelle: Wikipedia.
Am linken Rand werden die entsprechenden eusebischen Einteilungen vermeldet,
in den romanischen Bögen am unteren Rand die dazugehörigen Parallelstellen
in der Reihenfolge (Markus,) Matthäus, Johannes, Lukas.

 

Zum gotischen Alphabet
Das gotische Alphabet, das eine Verschmelzung der Runenschrift mit dem griechischen Alphabet war, steht im germanischen Sprachraum einzigartig da. Es gibt aber Hinweise dafür, dass das gotische Alphabet einfach nur ein Vertreter einer älteren Schrifttradition der keltischen und germanischen Völker vor der Einführung der Lateinschrift war.

C. Julius Caesar jedenfalls berichtet, dass die Gallier, deren religiöse Texte ausschließlich mündlich überliefert wurden, ansonsten griechische Schriftzeichen benutzten:
Sie [die gallischen Druiden] sollen eine große Menge Verse auswendig lernen. Deswegen bleiben einige zwanzig Jahre in der Lehre, und sie glauben, dass es Frevel sei, solches der Schrift anzuvertrauen, während sie in fast allen übrigen Angelegenheiten sowohl zu öffentlichen, als zu privaten Zwecken griechische Schriftzeichen gebrauchen.5

Dem römischen Geschichtsschreiber P. Cornelius Tacitus zufolge soll es im Grenzgebiet zwischen Germanien und Rätien, also im heutigen Bayern, Grabhügel mit griechischen Schriftzeichen gegeben haben:
... bestimmte Hügel und Denkmäler, in die griechische Schriftzeichen eingraviert sind, soll es bis heute im Grenzgebiet von Germanien und Rätien geben.6

In der Forschung gibt es zwei Richtungen zur Erklärung des gotischen Alphabets:

Man kann diesen Vorgang auch in Zusammenhang mit der lateinischen und der griechischen Schrift in demselben Zeitraum beobachten: Im 4. Jh. entstehen lateinische und griechische Minuskelbuchstaben, die zum Schreiben auf Pergament gebraucht wurden. Die gotischen Schriftzeichen wären demnach von den griechischen Minuskeln inspirierte Minuskelbuchstaben zum Runenalphabet gewesen.

 

Der Untergang der Ostgoten und die Erhaltung gotischer Handschriften
Sämtliche überlieferte gotische Handschriften sind im Ostgotenreich in Italien entstanden. Aus dem spanischen Westgotenreich, das wesentlich länger Bestand hatte, ist uns hingegen nichts überliefert. Die arianischen gotischen Schriften sind nach dem Übertritt der Westgoten zum Katholizismus vernichtet worden. Der frühmittelalterliche Chronist Fredegarius Scholasticus berichtet:

In diesem Jahre [589] umarmte Richaridus, der König der Goten, durch die Liebe Gottes den christlichen Glauben und ließ sich zuerst taufen. Danach befahl er allen Goten, die der arianischen Sekte anhingen, sich in Toletum [das 3. Konzil von Toledo] zu versammeln und befahl, dass ihm alle arianischen Bücher gezeigt würden. Nachdem diese in einem Hause gesammelt worden waren, befahl er sie in einem großen Feuer zu verbrennen und ließ alle Goten nach christlichem Ritus taufen.7

Dass die arianischen Goten zahlreiche und kunstvoll gearbeitete Bücher gehabt haben müssen, lässt sich daran ersehen, dass der fränkische König Childeberth bei einem Einfall in das spanische Westgotenreich zwanzig aus purem Gold bestehende und mit Edelsteinen verzierte Behälter für Evangelienbücher rauben konnte (Historia Francorum III, 10). Die Ostgoten hingegen wurden bereits Mitte des 6. Jhs. nach einem zwanzigjährigen Vernichtungskrieg durch die Byzantiner aufgerieben.8 Die Ostgoten blieben bis zum Ende Arianer. Die Überlebenden dieses verheerenden Krieges - Es soll die Hälfte der Bevölkerung Italiens umgekommen sein. - hatten vermutlich Besseres zu tun als arianische Schriften aufzuspüren.

Mit Ausnahme des Codex argenteus sind alle gotischen Bibelhandschriften Palimpseste (Codices rescripti), d.h. man hat den gotischen Text ausradiert und überschrieben. Der gotische Text schimmert nur noch durch. Heute kann man mit Hilfe spezieller Apparate solche Handschriften durchleuchten, wobei der ausradierte Text sich überraschend klar abzeichnet. (In einer Ausgabe aus dem 18. Jh. finden sich einige sehr anschauliche Wiedergaben eines gotischen Palimpsestes.) Dem Codex argenteus wäre möglicherweise dasselbe Schicksal beschieden gewesen, wenn er an Ort und Stelle geblieben wäre.

Die ebenfalls arianischen Wandalen müssen auch eigene Bibelbücher besessen haben. Jedenfalls berichtet der byzantinische Geschichtsschreiber Ioannes Zonaras, dass sich nach Vernichtung des nordafrikanischen Wandalenreiches durch die Byzantiner auch mit Gold und Edelsteinen geschmückte Evangelienbücher unter der Kriegsbeute befanden (Historiae XIV,7). In Anbetracht der engen sprachlichen Verwandtschaft zwischen Goten und Wandalen halte ich es für wahrscheinlich, dass es sich bei diesem Büchern um die Übersetzung des Wulfila gehandelt hat. Wenn es noch einen anderen, einen wandalischen Wulfila gegeben hätte, würden die Quellen uns das mitteilen. Es ist beinahe überflüssig zu erwähnen, dass diese Bücher nie wieder aufgetaucht sind. (Der Codex Gissensis, ein Pergamentdoppelblatt mit einigen Zeilen der gotischen Bibel, das man Anfang des 20. Jhs. in Ägypten gefunden hat, ist vielleicht als ein Überbleibsel der wandalischen Bibelliteratur zu betrachten.)

 

Die Palimpseste (Codices rescripti)
Folgende Palimpseste mit Fragmenten der gotischen Bibel sind bekannt:

Ferner:

 

Ausgewählte wissenschaftliche Literatur
Seit dem 19. Jh. werden die gotischen Texte in der germanistischen Literatur transkribiert mit lateinischen Buchstaben geschrieben. Die Ausgaben der gotischen Bibel in gotischen Buchstaben gehen, soweit ich weiß, samt und sonders auf die ältere humanistische Literatur zurück. Als Beispiel sei die Ausgabe von Erik Benzelius und Edward Lye (1750) genannt. Besonders bemerkenswert und nützlich ist das Faksimile des Codex argenteus von 1927, für das die Handschrift mit u.a. Röntgenstrahlung durchleuchtet worden ist.

Wer das Gotische kennenlernen möchte, sollte sich unbedingt das kleine Buch Gotische Sprachdenkmäler mit Grammatik, Übersetzung und Erläuterungen ansehen. Sehr nützlich ist auch das Buch Einführung in das Gotische. Texte mit Übersetzungen und Erläuterungen. Für eine eingehendere Beschäftigung mit dem Gotischen sind die Gotische Grammatik von Wilhelm Braune und das Gotische Elementarbuch von Wilhelm Streitberg sehr geeignet.

 

Ostgoten und Franken
Dem Druck des aufstrebenden Frankenreiches wie der von Byzanz ausgehenden Bedrohung suchte der ostgotische König Theoderich eine Allianz germanischer Reiche entgegenzustellen. Als einige Jahre nach dem Tode König Theoderichs (526) die Ostgoten auf einen Kampf auf Leben und Tod mit den Byzantinern verwickelt wurden, brach das Bündissystem Theoderichs wie ein Kartenhaus zusammen. Hier ein kurzer Blick auf die Ereignisse:

Zusammen mit dem Bündnissystem Theoderichs muss auch das arianische Christentum vernichtet worden sein. Das vorherrschende Bild, wonach die Franken ausschließlich Heiden mit oder ohne Gewalt zum Christentum bekehrt hätten, ist meiner Meinung nach zu einseitig. In manchen Gegenden Deutschlands müssen die Franken neben Heiden auch arianische Christen angetroffen haben.9

 

Was wäre, wenn...
Man kann sich fragen, wie sich die Geschichte Europas entwickelt hätte, wenn die Goten und ihre Kultur nicht systematisch ausgelöscht worden wären. Hätten gotische Könige die Geschichte der Länder nördlich der Alpen vielleicht so beeinflusst, wie im hohen Mittelalter die deutschen Kaiser in die Geschicke Italiens eingegriffen haben? Wie hätte die Geistes- und Religionsgeschichte des christlichen Europas ausgesehen? Würden wir eigentlich mit lateinischen Buchstaben schreiben? Alle diese Fragen lassen sich nicht mehr beantworten. Es ist aber spannend, darüber zu spekulieren.


 

1 Die Sprachen anderer ostgermanischer Stämme wie die der Wandalen oder Burgunder sind uns nicht überliefert worden. Die germanistische Forschung hat die in den lateinischen und griechischen Quellen überlieferten ostgermanischen Personennamen mit der Sprache der gotischen Bibel verglichen. Als Beispiel sei die Studie Über die Sprache der Wandalen genannt. Dies ermöglicht es uns, allgemeine Aussagen zur Sprache dieser Stämme zu treffen. Die Sprache der Wandalen scheint der der Goten sehr nahe verwandt und vielleicht eher ein Dialekt als eine andere Sprache gewesen zu sein. Westgoten und Ostgoten müssen mehr oder weniger dieselbe Sprache gesprochen haben, da die im westgotischen Bereich entstandene Bibelübersetzung Wulfilas bei den Ostgoten in Italien gebraucht wurde. Dem byzantinischen Geschichtsschreiber Procopius von Caesarea zufolge sprachen Goten, Wandalen und Gepiden dieselbe Sprache, die er die gotische Sprache nennt (De bello Vandalico I, 2). Das ansonsten lateinische Werk Collatio Augustini cum Pascentio überliefert uns einen wandalischen Satz: Froia arme. ("Herr, erbarme Dich.") Die Sprachen anderer ostgermanischer Stämme wie die der Burgunder dürften sich mehr unterschieden haben. Allerdings nennt der byzantinische Historiker Agathias von Myrina die Burgunder ein genos... Gotthikon (Historiae I, 3).

Im 6./7. Jh. schildert der katholische Bischof Isidorus Hispalensis (Isidor von Sevilla) im spanischen Westgotenreich folgendermaßen die um 375 an der Donau erfolgte Bekehrung der Goten und die Übersetzung der Bibel durch Wulfila: [...] Im fünften Jahre der Herrschaft des Valens übernahm zuerst Athanaricus die Führung des Gotenvolkes und regierte dreizehn Jahre. Er zettelte eine sehr grausame Glaubensverfolgung an und wandte sich gegen diejenigen Goten, die in seinem Volke als Christen galten und machte sehr viele ihnen, die sich weigerten den Götzenbildern zu opfern, zu Märtyrern. Die übrigen aber suchte er mit verschiedenen Verfolgungen heim, schreckte aber aufgrund ihrer großen Zahl davor zurück, sie zu töten. Er gewährte ihnen Glaubensfreiheit, zwang sie aber sein Reich zu verlassen und in die Provinzen römischen Bodens auszuwandern. [Gemeint sind die Gothi minores.]

[...] Im dreizehnten Jahre der Herrschaft des Valens waren die Goten an der Donau in zwei gegeneinander stehende Parteien unter Athanaricus und Fridigernus gespalten, die einander mit Mord und Totschlag dezimierten. Aber Athanaricus überwand Fridigernus mit Unterstützung des Kaisers Valens. Wegen dieser Sache schickte er Gesandte mit Geschenken zum Kaiser und erbat Lehrer zur Annahme des christlichen Glaubens. Valens aber, der von der Wahrheit des katholischen Glaubens abgefallen und in der Abartigkeit der arianischen Irrlehre befangen war, schickte ketzerische Priester und brachte die Goten durch Überredungskunst zu seinem Irrglauben und pflanzte so dem edlem Volke mit seiner verderblichen Saat ein krankmachendes Gift ein. Und so wie dieses den Irrtum in seiner naiven Leichtgläubigkeit in sich einsog, hielt er sich auch und blieb lange.

Damals hat Wulfila, der Bischof dieser Goten das gotische Alphabet begründet und die Schriften des Neuen und des Alten Testamentes in dieselbe Sprache übersetzt. Die Goten aber, sobald sie anfingen ein Alphabet und ein Gesetz zu kennen, errichteten sich Kirchen ihres Bekenntnisses, wobei sie dem Beispiel des Arius folgend bezüglich des Göttlichen Lehrsätze hatten, dass sie glaubten, der Sohn sei an Herrlichkeit geringer als der Vater und jünger in der Ewigkeit. Der Heilige Geist aber sei nicht Gott und existiere nicht wesensgleich mit Gott, sondern sei durch den Sohn geschaffen, um beiden zu dienen und beiden zu gehorchen. Auch behaupteten sie, Vater, Sohn und Heiliger Geist wären ihrem Wesen nach verschieden, so dass nicht gemäß der Überlieferung der Heiligen Schrift ein einziger Gott und Herr angebetet würde, sondern ihrem göttzendienerischen Aberglauben entsprechend drei Götter verehrt würden. Das Übel dieser Gotteslästerung behielten sie im Laufe von 213 Jahren und unter einer ganzen Abfolge von Königen bei. Endlich erinnerten sie sich ihres Seelenheils und widerriefen ihren eingefleischten Irrglauben und kamen durch Christi Gnade zum einzig wahren katholischen Glauben. (Historia de regibus Gothorum, Vandalorum en Suevorum 6-8 Auch in Migne, Patrologia Latina LXXXIII, 1060-1061. Übersetzung.)

Socrates Scholasticus IV, 33 zufolge soll Kaiser Valens Fridigern gegen Athanarich unterstützt haben, worauf Fridigern zum Christentum übertrat.

Auxentius von Dorostorum, der Ziehsohn und Schüler Wulfilas, berichtet über seinen Lehrer: [...] Dieses alles über die heiligen Schriften hat dieser [Wulfila] gesagt, und wir haben es aufgeschrieben. Wer es liest, möge das zur Kenntnis nehmen. Er hat auch in den drei Sprachen selbst [Im vorab wird gesagt, dass Wulfila in griechischer, lateinischer und gotischer Sprache gelehrt hat.] zahlreiche Abhandlungen und viele Auslegungen den Willigen zu ihrem Nutzen und ihrer Erbauung und sich selbst zum ewigen Angedenken und Verdienst hinterlassen. Diesen kann ich nicht angemessen würdigen, wage es aber auch nicht, ihn mit Schweigen zu übergehen. Ich bin diesem mehr als alle anderen zu Dank verpflichtet, und er hat sich auch besonders viel Mühe mit mir gegeben. Er, der mich im frühesten Kindesalter von meinen Eltern als Schüler annahm, mich die heiligen Schriften lehrte und mir den wahren Glauben offenbarte und mich durch die Barmherzigkeit Gottes und die Gnade Christi fleischlich und geistlich als seinen Sohn im Glauben erzog.

Dieser wurde durch die Vorsehung Gottes und die Barmherzigkeit Christi um des Heils vieler im Gotenvolke willen mit dreißig Jahren als Bischof eingesetzt, nachdem er vorher Lektor gewesen war, dass er nicht nur Sachwalter Gottes und Mitwalter Christi wäre, sondern auch hierin durch die Gnade Christi ein Nachahmer Christi und von dessen Heiligen, dass, wie der heilige David mit dreißig Jahren als König und Prophet eingesetzt wurde, auf dass er das Volk Gottes und die Kinder Israel regierte, auch dieser Selige sich als ein Prophet erwies und ein wahrer Priester Christi, so dass er das Volk der Goten regierte, seine Fehler verbesserte, es lehrte und aufbaute, was auch durch den Willen Gottes und mit Hilfe Christi durch seinen Dienst auf wunderbare Weise erfüllt worden ist. [Der folgende Satz ist verstümmelt. Ein Vergleich mit Joseph in Ägypten.]

Wie der Herr und unser Gott, Jesus Christus, dreißig Jahre seiner fleischlichen Existenz alt war, als er getauft wurde und das Evangelium zu verkündigen und wie ein Hirte für die Seelen der Menschen zu sorgen begann, so hat auch jener Heilige durch den Willen und Ratschluss Christi das Gotenvolk, das sich aufgrund des vollständigen Mangels an Belehrung wahllos betrug, gemäß der Lehre des Evangeliums, der Apostel und der Propheten gebessert und hat es zu leben gelehrt, und hat es dahin gebracht, als Christen ein wahrhaft christliches Leben zu führen und hat es gemehrt.

Dann aber wurde durch den Hass und das Betreiben des Feindes [des Teufels] von einem gottlosen und frevlerischen Richter der Goten eine Verfolgung der Christen mit barbarischem Terror erregt, wodurch der Satan, der eigentlich Böses tun wollte, unwillentlich Gutes tat. Diejenigen, die nämlich zu Überläufern und Abtrünnigen gemacht werden sollten, wurden mit Christi Hilfe zu Märtyrern und Bekennern, so dass der Verfolger geschlagen und diejenigen, die Verfolgung erlitten, mit der Siegeskrone gekrönt waren und er vor denjenigen, die er zu besiegen trachtete, besiegt in Schamesröte ausbrach, und die, die versucht worden waren, sich als die Sieger freuten.

Nachdem viele Diener und Dienerinnen Christi ein ruhmvolles Martyrium erlitten hatten, wurde dieser heilige und selige Mann Wulfila, nachdem er nur sieben Jahr im Bischofsamt war, durch die unmittelbar drohende Verfolgung mit einer großen Menge Bekennern aus dem Barbarenland in das römische Gebiet vertrieben, wo er unter Kaiser Constantius seligen Angedenkens ehrenvoll aufgenommen wurde. Wie Gott sein Volk durch Moses aus der Macht und der Gewalt des Pharaos und der Ägypter befreit hat, es durch das Meer ziehen und es sich dienen ließ, so ließ Gott durch besagten Wulfila die Bekenner seines heiligen, eingeborenen Sohnes über die Donau ziehen und ließ sie sich in den Bergen in Nachahmung der Heiligen dienen. Wulfila verkündete seinem Volke nach jenen sieben Jahren noch dreiunddreißig Jahre lang auf römischen Gebiet verbleibend den wahren Glauben, sodass er auch hierin ein Nachahmer gewisser Heiliger war, [Der weitere Text ist an dieser Stelle verstümmelt. Es soll wohl gesagt werden, dass Wulfila nach vierzig Jahren im Amt verschied.]

Nachdem er vierzig Jahre voll gemacht hatte, brach er aufgrund eines kaiserlichen Befehls in die Stadt Konstantinopel zu einem Streitgespräch gegen die Pneumatomachen auf. [Der nächste Satz ist wiederum verstümmelt: Es soll wohl gesagt werden, dass Wulfila im Namen Gottes ging, um gotteslästerliche Lehren zu verhindern.] In oben besagter Stadt angekommen, begann er sofort krank zu werden, nachdem die Stellung des Konzils von den Verruchten [Gemeint sind wohl die Orthodoxen.] überdacht worden war, damit die Erbärmlichen nicht überführt und nicht mit ihrem eigenen Urteilsspruch belegt und mit ewiger Verdammnis bestraft würden. In dieser Krankheit verschied er wie der Prophet Elisa. Bleibt nur noch das Glück des Mannes zu preisen, der durch Gottes Fügung in Konstantinopel, nein Christianopel, verstarb, dass er als heiliger und reiner Priester Christi von heiligen Priesterkollegen als Allerwürdigster und von so einer großen Menge Christen für seine Verdienste bewundert und ruhmvoll geehrt wurde.

Dieser hinterließ im Dahinscheiden, im Augenblicke seines Todes selbst seinem ihm anvertrauten Volke als Vermächtnis ein Glaubensbekenntnis, indem er so sprach: Ich Wulfila, Bischof und Bekenner, habe immer solchermaßen geglaubt und trete in diesem alleinigen und wahren Glauben vor meinen Herren: Ich glaube an den einen Gott, den Vater, einzig ungezeugt und unsichtbar und an seinen eingeborenen Sohn, den Herrn und unseren Gott, den Bildner und Schöpfer einer jeden Kreatur, der nicht seinesgleichen hat; daher ist ein einziger der Gottvater von allem, wie er auch Gott unseres Gottes ist. Und [ich glaube] an den einen Heiligen Geist, der das Herz erleuchtet und heiligt, wie Christus nach der Auferstehung zu seinem Aposteln sagt: "Seht, ich schicke die Verheißung meines Vaters in euch; bleibt in der Stadt Jerusalem, bis ihr angetan werdet mit der Kraft aus der Höhe." und ebenfalls "Ihr werdet die höhere Kraft durch den Heiligen Geist empfangen." Weder Gott noch Herr, sondern treuer Diener Christi, nicht gleich, sondern untergeben und in allem dem Sohne gehorchend und [ich glaube] an den Sohn, untergeben und in allem Gott, dem Vater gehorchend... [Von der Übersetzung der zweiten Hälfte des letzten Satzes sehe ich ab, da dieser vollkommen verstümmelt ist.] (Auxentii Epistola de fide, vita et obitu Wulfilae. Auch in Migne, Patrologia Latina. Die Handschrift wird von Waitz, 1840 und von Kaufmann, 1899 besprochen. Zum Glaubensbekenntnis des Wulfila auch Socrates Scholasticus II, 41.)

2 Libellus Walafridi Strabonis de exordiis et incrementis quarundam in observationibus ecclesiasticis rerum 7. Auch in Migne, Patrologia Latina CXIV, 919-966.

Im 6. Jh. schreibt Jordanes über die Gothi minores: Es gab allerdings auch andere Goten, die Kleingoten [Gothi minores] genannt werden. Ein unzähliges Volk, mit seinem Priester und Oberhaupt Wulfila, der ihnen auch eine Schrift gegeben haben soll. Heute gibt es sie in Mösien, wo sie die Gegend von Nicopolis [bei Pleven in Nordbulgarien] am Fuße des Emimontus bewohnen [also am Nordrand des Balkangebirges]; eine große Bevölkerung, aber arm und unkriegerisch, die nichts besitzt außer Herden verschiedener Arten Viehs und Weiden und holzgebende Wälder. Es gibt wenig Weizen, das Land soll aber reich an anderen Fruchtarten sein. Weinreben erkennen sie nicht einmal, wenn sie sie anderswo zu sehen kriegen, obwohl sie den Wein aus ihrer Nachbarschaft kaufen; sie ernähren sich nämlich meistens von Milch. (De origine actibusque Getarum 51. Monumenta Germaniae Historica V, 1. Auch in Migne, Patrologia Latina. Übersetzung.)

3 Ogier Ghislain de Busbecq, der von 1555 bis 1562 kaiserlicher Gesandter in der Türkei war, berichtet von einer Begegnung mit Krimgoten: An dieser Stelle kann ich nicht übergehen, was ich von dem Volksstamm vernommen habe, der noch immer die Halbinsel Krim bewohnt, von dem ich oft gehört hatte, dass er in Sprache, Sitten, ja selbst dem Gesicht und dem Körperbau nach deutschen Ursprung zeige. Deshalb wollte ich lange Zeitlang irgendjemanden aus diesem Volksstamm sehen und, wenn es möglich wäre, von da in Erfahrung bringen, ob irgendetwas in dieser Sprache geschrieben sei, konnte das aber nicht erreichen.

Der Zufall hat dennoch, so gut es ging, meinen Wunsch erfüllt. Als hier zwei Gesandte von dort waren, die irgendwelche Klagen im Namen ihres Volksstammes vor den Herrscher bringen sollten, trafen meine Dolmetscher zufällig auf sie und eingedenk dessen, was ich ihnen gestattet hatte, sollte es nützlich sein, brachten sie jene zum Frühstück zu mir.

Der eine war ziemlich groß und schlank und zeigte eine seinem ganzen Gesichtsausdruck eingefleischte gewisse Ehrlichkeit. Wie ein Flame kam er mir vor oder wie ein Holländer. Der andere war kleiner, von gedrungenem Körperbau, schwarzer Haarfarbe, der Abstammung und der Sprache nach ein Grieche, der aber durch häufigen Verkehr einen nicht zu verachtenden Gebrauch dieser Sprache hatte. Denn der erstere hatte durch Nachbarschaft und Umgang mit den Griechen deren Sprache so verinnerlicht, dass er die Sprache seines Volkes vergessen hatte.

Befragt zu Wesen und Sitten jener Volksstämme antwortete er Stimmiges. Er sagte, dass der Volksstamm kriegerisch sei und noch heute viele Gaue bewohne, aus denen der Kleinkönig der Tartaren, wenn er in den Krieg ziehe, achthundert Fußsoldaten mit Gewehren aushebe als besondere Stütze seiner Truppen. Es gäbe ansehnliche Städte von ihnen. Die eine würde Mancup genannt, die andere Scivarin. [Es folgt ein Einschub zu den Tataren.]

Nun will ich einige wenige Wörter wiedergeben von den vielen, die er auf deutsch sagte. Denn die Form nicht vieler Wörter war gänzlich verschieden von den unsrigen. Sei es, weil das Wesen dieser Sprache das so mit sich bringt, sei es, weil ihn die Erinnerung im Stich ließ und er ausländische Wörter mit einheimischen verwechselte. Allen Ausdrücken aber stellte er den Artikel tho oder the voran oder wenig von den unsrigen sich unterscheidende. Diese Wörter waren

Broe. Brot. Tag. Tag.
Plut. Blut. Oeghene. Augen.
Stul. Stuhl. Bars. Bart.
Hus. Haus. Handa. Hand.
VVingart. Weinrebe. Boga. Bogen.
Reghen. Regen. Miera. Ameise.
Bruder. Bruder. Rinck. oder
Schuuester. Schwester. Ringo. Ring.
Alt. Alt. Brunna. Quelle.
VVintch. Wind. VVaghen. Wagen.
Siluir. Silber. Apel. Apfel.
Goltz. Gold. Schiete<n>. Pfeil schießen.
Kor. Weizen. Schlipen. Schlafen.
Salt. Salz. Kommen. Kommen.
Fisct. Fisch. Singhen. Singen.
Hoef. Haupt. Lachen. Lachen.
Thurn. Thür. Eriten. Weinen.
Stein. Stern. Geen. Gehen.
Sune. Sonne. Breen. Braten.
Mine. Mond. Schuualth. Tod.

Knauen tag war bei ihm Guten Tag. Knauen hieße gut, sagte er und viele andere Worte, die mit unserer Sprache nicht genug übereinstimmen, führte er an, wie:

Iel. Leben oder Gesundheit. Baar. Junge.
Ieltsch. Lebendig oder gesund. Ael. Stein.
Iel vburt. Möge gesund sein. Menus. Fleisch.
Marzus. Hochzeit. Rintsch. Berg.
Schuos. Braut. Fers. Mann.
StatZ. Erde. Lista. Wenig.
Ada. Ei. Schediit. Licht.
Ano. Henne. Borrotsch. Willen.
Telich. Dumm. Cadariou. Soldat.
Stap. Ziege. Kilemschkop. Trink aus den Becher.
Gadeltha. Schön. TZo Vvarthata. Du tatest.
Atochta. Schlecht. Ies Varthata. Er tat.
VVichtgata. Weiß. Ich malthata. Ich sage.
Mycha. Schwert.  

Dazu aufgefordert zählte er Ita, tua, tria, fyder, fyuf, seis, seuene, ganz so wie wir Flamen. Denn ihr Brabanter, die ihr so tut, als ob ihr deutsch reden würdet und pflegt, euch aufzuspielen und uns zu verspotten, als wenn wir falsch aussprächen, was ihr Seuen nennt. Er fuhr fort Athe, nyne, thiine, thiinita, thunetua, thunetria u.s.w. Zwanzig nannte er stega, dreißig treithyen, vierzig furdeithien, hundert sada, tausend hazer. Sogar ein kleines Lied dieser Sprache rezitierte er, dessen Anfang ungefähr so war:

VVara vvara ingdolou
Scu tegira Galizu
Hæmisclep dorbiZa ea.

Busbecq macht sich anschließend Gedanken, wie diese Menschen auf die Halbinsel Krim gelangt sein könnten und fährt fort: ..., wo sie bis heute von Feinden umringt am christlichen Glauben festhalten.
Legationis Turcicae epistolae quatuor, S. 257-261

Die Wörter Schlipen, Mine und Ada bestätigen, dass tatsächlich ein ostgermanischer (sprich: gotischer) Dialekt vorliegt. Merkwürdig sind die nordseegermanischen Einflüsse, die sich ebenfalls finden. Möglicherweise hat Busbecqs flämische Muttersprache hierbei eine Rolle gespielt.

Literatur zu den Krimgoten: Zahn (1805), S. 14-18 ; Tomaschek (1881) ; Braun, (1890) ; Loewe (1896).

4 Das Blatt des Codex argenteus, das man in Speyer gefunden hat, enthält den Schluss des Markusevangeliums und war somit wahrscheinlich das letzte Blatt des Codex. Als man es fand, war es in ein Blatt Papier gerollt, auf dem die Worte philippo melanchthonj. Rotula grecis literis exarata. [An/für Philipp Melanchthon. Eine Rolle mit griechischen Buchstaben beschrieben.] geschrieben sind. Papier und Pergamentblatt waren um einen Stab gerollt.

Der Reliquienschrein, in dem man die Blätter gefunden hat und die Reliquien stammen aus Aschaffenburg. Ursprünglich hatten sie zum Mainzer Domschatz gehört. (Vgl. Weltliteratur und Dorfprobleme. Die Spannweite von Melanchthons Briefwechsel von Johanna Loehr und Heinz Scheible. In: Wissenschaftsgeschichte zum Anfassen : von Frommann bis Holzboog / herausgegeben von Günther Bien ; Eckhart Holzboog ; Tina Koch. - Stuttgart-Bad Cannstatt : Frommann-Holzboog, 2002. ISBN 3-7728-1727-0. S. 224.)

Irgendjemand hat das Blatt aus dem Codex argenteus entweder an den Reformator Philipp Melanchthon adressiert oder ihm übereignet. Oder sollte der Codex etwa auf diese Weise Melanchthon bzw. der Universität Wittenberg unter der Hand zum Kauf angeboten werden? Es gibt aber meines Wissens keine Hinweise darauf, dass sich das Blatt jemals in seinem Besitz befunden hat.

Melanchthon war weithin als Kenner des Griechischen bekannt. Er wusste von den Goten, die es zu seinen Lebzeiten noch auf der Krim gab und zeigte sich an diesem Thema interessiert. (Vgl. Die Reste der Germanen am Schwarzen Meere S. 116-125.)

Ich stelle mir die folgenden Fragen:

5 De bello Gallico VI, 14

6 De origine et situ Germanorum 3

7 Migne, Patrologia Latina LXXI, 613. Bei Isidorus Hispalensis fehlt die Bücherverbrennung: Darauf versammelte er [König Recaredus] eine Synode der Bischöfe aus den verschiedenen Provinzen Spaniens und Galliens zur Verdammung der arianischen Ketzerei. Der äußerst fromme Fürst war auf diesem Konzil persönlich anwesend und bekräftigte dessen Beschlüsse durch seine Gegenwart und seine Unterschrift und sagte sich mit all den Seinen von dem falschen Glauben los, zu dem sich das Gotenvolk der Lehre des Arius folgend bis dahin bekannt hatte und erklärte, dass die drei Personen eins in Gott seien, dass der Sohn wesensgleich vom Vater geschaffen sei und dass der Heilige Geist untrennbar von sowohl dem Vater als dem Sohne ausgehe und dass beider Geist eins sei, wie sie auch eins sind. (Historia de regibus Gothorum, Vandalorum en Suevorum 53. Auch in Migne, Patrologia Latina LXXXIII, 1057-1082. Übersetzung.)

8 Das Ostgotenreich reichte im Norden bis an die Donau. Es ist zumindest nicht völlig ausgeschlossen, dass gotische Stammessplitter an der Entstehung der Bajuwaren Anteil hatten. Die Byzantiner sind auch nicht bis in den Alpenraum vorgedrungen. Waren die Alpen Zufluchtsort zersprengter Reste der Ostgoten? Auf eine gewisse Kontinuität der gotischen Kultur im Alpenraum deutet jedenfalls die Salzburg-Wiener Handschrift (Codex Salisburgensis 140 bzw. Codex Vindobonensis 795) hin, die im Zeitraum zwischen dem 8. und dem 10. Jh. entstanden ist. In der Salzburg-Wiener Handschrift findet sich ein gotisches Alphabet mit den Namen der gotischen Buchstaben sowie einige kurze Zeilen auf Gotisch. Offensichtlich hat es noch im hohen Mittelalter im Alpenraum Gelehrte gegeben, denen das gotische Alphabet und vielleicht auch die gotische Sprache bekannt waren. Brauchbare Ausgaben der Salzburg-Wiener Handschrift sind selten im Internet, was vermutlich mit dort wiedergegebenen ungebräuchlichen Alphabeten zu tun hat. In Jahrbücher der Literatur, Jrg. 43 (1828) S. 4-21 findet sich eine sehr informative Wiedergabe und Besprechung des gotischen Teils der Salzburg-Wiener Handschrift.

Der byzantinische Geschichtsschreiber Procopius von Caesarea berichtet, dass der byzantinische Feldherr Narses die Reste des geschlagenen Ostgotenheeres des Landes verwiesen habe (De bello Gothico IV, 35). Das von Narses auferlegte Kapitulationsabkommen ist übrigens von einer von u.a. Indulf, einem der gotischen Befehlshaber des Krieges (De bello Gothico IV, 23), geführten Teilgruppe der Goten nicht angenommen worden. Diese Goten haben sich vor Abschluss des Abkommens abgesetzt und Italien in nördlicher Richtung über Ticinum - dem heutigen Pavia - verlassen (De bello Gothico IV, 35). Von Ticinum führte eine römische Straße in den Alpenraum.

9 Die ältesten christlichen Lehnworte in allen germanischen Sprachen wie z.B. Kirche sind griechischen Ursprungs, während die jüngeren christlichen Lehnworte aus dem Lateinischen stammen. Die griechischen Lehnworte müssen schon vor der vollständigen Ausdifferenzierung der germanischen Sprachen übernommen worden sein. Möglicherweise wurden diese Lehnworte durch gotische Mission vermittelt. Das arianische Christentum der Goten war stark griechisch beeinflusst.

10 [...] Gotisch oder Germanisch ist dieses hier, was unser Freund Michael Mercator mitgeteilt hat, nachdem es im väterlichen Nachlass entdeckt worden war. [...] Der Vater Michaels also, Arnoldus Mercator, sagte, es gäbe in der Bibliothek der Abtei Werden einen uralten Codex, der vor mehr oder weniger tausend Jahren auf Pergament mit goldenen und silbernen Buchstaben beschrieben worden sei und die Werke der vier Evangelisten enthielte, aber, was zu bedauern ist, kaputt und auseinandergerissen und aus Unkenntnis des Buchbinders ohne Ordnung zusammengelegt sei. Aus diesem hat Arnoldus das Folgende abgeschrieben, mit Hilfe und Unterstützung des ehrenwerten Herrn Heinrich Duden, der damals provisorischer Abt war. Das ist zwar nur wenig, aber mehr mitzuteilen, verbot die Undeutlichkeit der Buchstaben, die vor Altertum schon verblassten. Inscriptiones Antiquae Totius orbis Romani S. CXLVI.

Da Heinrich Duden 1573 zum Abt von Werden und Helmstedt gewählt wurde, muss Arnoldus Mercator also die Auszüge aus dem Codex argenteus vor 1573 angefertigt haben.

11 Cassander und Wouters müssen spätestens 1554 vom Codex argenteus gewusst haben. In einem auf den 6. Juni 1554 datierten Brief des kaiserlichen Rates Kaspar von Niedbruck an Cassander und Wouters bittet dieser um die Übersendung des gotischen Alphabets und des Vater unsers in dieser Sprache an Otto Heinrich Pfalzgrafen bei Rhein: Seine Gnaden wünscht das gotische Alphabet und das Gebet des Herrn in derselben Sprache zu besitzen. Vgl. Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Litteratur 23 (1879) S. 57ff.

12 Nun aber wollen wir zu einer anderen Sprache kommen, welche nach Meinung eines großen Gelehrten in Köln die gotische ist und dasselbe Vater unser, in einem uralten Codex des Klosters Werden im Bergischen Land, kaum mehr als ungefähr vier Meilen von Köln entfernt in dieser [Sprache] aufgezeichnet, untersuchen. Dieses hat der ehrenwerte und hochgelehrte Maximilianus Morillonus aus den Aufzeichnungen seines Bruders Antonius frommen Angedenkens freundlicherweise mitgeteilt. Vgl. Origines Antwerpianae, S. 739.

Ich vermute, dass dieser Mitteilung letztlich Aufzeichnungen von Cassander und Wouters zugrunde liegen. Allerdings müssen diese im gotischen Alphabet verfasst gewesen sein, da Goropius Becanus fälschlicherweise thindangardi anstatt thiudangardi schreibt. Goropius Becanus oder Antoine Morillon hat den gotischen Buchstaben Uraz für ein n gehalten.

13 Bonaventura Vulcanius hat nicht eigene, sondern die Aufzeichnungen eines ungenannten Gelehrten veröffentlicht, die er als Commentariolus viri cuiusdam docti Anonymi in literas Gothicas ex vetustißimo quodam Codice argenteo (ut eum vocat) sumptas [Entwurf eines gewissen ungenannten gelehrten Mannes zu den gotischen Buchstaben, die einem gewissen uralten silbernen Codex (wie er ihn nennt) entnommen wurden] bezeichnet hat. Der Name Codex argenteus [Silberner Codex, Silbercodex] geht demnach auf diesen ungenannten Gelehrten zurück.

Die handschriftliche Quelle, der Commentariolus, die Bonaventura Vulcanius als Vorlage gedient hat, ist noch erhalten. (Vgl. Zeitschrift für deutsches Altertum 1 (1841), S. 314 f.) Auf der letzten Seite dieses Manuskripts findet sich der Name Strein. Wahrscheinlich hat man in dem österreichischen Politiker, Historiker und Hofbibliothekar Richard von Strein (1538 bis 1600) den Verfasser des Commentariolus zu sehen (vgl. Fußnote 14).

Außerdem muss Bonaventura Vulcanius noch Gebrauch von einer anderen Quelle gemacht haben.

14 Man weiß nicht, wie diese Transaktion vor sich gegangen ist, da, soweit ich weiß, keine schriftlichen Belege vorhanden sind.

Man geht davon aus, dass der österreichische Politiker, Historiker und Hofbibliothekar Richard von Strein (1538 bis 1600) dabei eine vermittelnde Rolle gespielt hat. Aus einer seiner Veröffentlichungen lässt sich jedenfalls schließen, dass er den Codex argenteus gekannt haben muss (vgl. Zeitschrift für deutsches Altertum 1 (1841), S. 315 f.).

Wahrscheinlich war Von Strein außerdem der Verfasser des Commentariolus viri cuiusdam docti Anonymi in literas Gothicas ex vetustißimo quodam Codice argenteo (ut eum vocat) sumptas [Entwurf eines gewissen ungenannten gelehrten Mannes zu den gotischen Buchstaben, die einem gewissen uralten silbernen Codex (wie er ihn nennt) entnommen wurden], der 1597 von Bonaventura Vulcanius veröffentlicht worden ist (vgl. Fußnote 13).

Unter Rudolf II. wurde die kaiserliche Residenz nach Prag verlegt. Die (vielleicht religionspolitisch motivierte) Sammelleidenschaft dieses Kaisers ist bekannt. Sicher ist eigentlich nur, dass sich der Codex argenteus 1648 nicht mehr in Werden, sondern in Prag befand, wo er von den Schweden geraubt wurde.

15 Der Verbleib des Codex argenteus nach 1648 lässt sich aus den beiden lateinischen Vorworten (das der Textausgabe und das gereimte Vorwort des angehängten Glossars) der Ausgabe Dordrecht, 1665 erschließen. Diesen Vorworten lassen sich folgende Informationen entnehmen:

Ich ziehe die folgenden Schlussfolgerungen: De la Gardie kannte den Codex argenteus, da er an seiner Erbeutung persönlich beteiligt gewesen war. Nach Plünderung der Prager Burg gelangte der Codex in den Besitz der schwedischen Königin Christine. Der königliche Bibliothekar Isaak Vossius hat den Codex 1654 bei seiner Rückkehr nach Holland mitgenommen und seinem Onkel Franciscus Junius geliehen oder überlassen. De la Gardie hat den Codex noch vor Erscheinen der Ausgabe Dordrecht, 1665 (großzügig) zurückgekauft.

De la Gardie hat den Codex argenteus und eine Abschrift in Quartformat nebst anderen kostbaren Handschriften und Büchern der Universität Uppsala geschenkt. - Die Abschrift existiert nicht mehr. Sie wurde 1702 durch einen Brand zerstört. - Man findet den Text der auf den 18. Januar 1669 datierten Schenkungsurkunde in Bibliothecae Upsaliensis historia auf den Seiten 76-115.

Der Text des auf den 11. Juli 1669 datierten Dankwortes der Universität Uppsala wurde auf den Seiten 21-24 einer Programmschrift des Rektors der Universität Greifswald veröffentlicht. Dort wird auf S. 23 bestätigt, dass der Codex argenteus von Prag nach Schweden gebracht, wiederum (von Vossius) von dort fortgeschafft und schließlich von De la Gardie zurückgekauft wurde:

... bis vor diesen zwanzig Jahren die schwedische Tapferkeit [Ulphilas als Sinnbild für den Codex argenteus] dem Prager Versteck entriss, ihn in die alte Freiheit zurückversetzte, ihn seinem Vaterland und Vorfahren zurückgab und ihn der hochberühnten Gemeinschaft größter und erlesenster Schreiber auf der königlichen Burg zu Gripsholm(?) hinzugesellte. Kaum hatte er aber die süße Freiheit geschmeckt, kaum konnte er die Süße jener Gemeinschaft erfahren, als er durch eine neuerliche Boshaftigkeit des übelwollenden Schicksals seinen Genossen entrissen in die frühere Knechtschaft auf grausamste Art hinweggeführt wird.

Die Sache war durch und durch unwürdig und dem Namen der Schweden nicht gerade rühmlich, dass durch die Heimtücke eines einzelnen Wurms von einem Menschen, dieses Ausländers, der von den Schweden gut und ehrenvoll behandelt worden war, entzogen wurde, was mit der Schweden Schweiß und vielem Blut erlangt worden war. Und nicht erschien ein Weg, diesen wiederzugewinnen. Wo dieser hingebracht worden war, konnte niemand entdecken.

Deshalb würde heute noch entführt in einer ausländischen Stadt in Knechtschaft unterdrückt Ulphilas am Boden liegen ohne Euch, glanzvollster Graf. Durch Euren Scharfsinn wurde er gefunden, durch Eure Großzügigkeit ist er für Schweden und Goten und was dasselbe ist, für seine Vorfahren befreit worden. Ihr hieltet ihn einer Summe von achthundert Reichstalern für wert, damit Ihr ihn den Händen dieser äußerst räuberischen Leute entzogen und zurückgekauft in seine alte Freiheit entließet.

Das Dankeswort der Universität Uppsala, das zuviel enthüllt, war vermutlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Dass Christian von Nettelbladt das Dankeswort 1733 der Öffentlichkeit doch noch zugänglich gemacht hat, ist ein großer Glücksfall für die Wissenschaft.

16 Zur Geschichte des Codex argenteus Upsaliensis / Ernst Meyer, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen. - Jg. 28 (1911). - S. 544-552

Stand: 6. März 2016  

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