Die Übersetzungen Die Übersetzungen von 1523 Ausgabe durch Bugenhagen (1524 - 1533/34) Psalmenübersetzung durch Corvinus (1548/49)
Neuausgabe durch Wolder (1596) Wirkung der Übersetzungen Auswirkungen auf Skandinavien Abbruch (1623-29)

 

Die verschiedenen niederdeutschen Bibelübersetzungen (ca. 1478 - 1533/34)
Ein besonders wichtiges Zeugnis der niederdeutschen Literatur ist die Übersetzung der Lutherbibel, die mit dem Reformator Johannes Bugenhagen ("Pomeranus"), einem Freund und Weggefährten Martin Luthers, eng verbunden ist. Vor der Reformation hatte es bereits andere gedruckte niederdeutsche Übersetzungen der Bibel gegeben, die aber nicht wie Luthers Übersetzung auf dem griechischen und hebräischen Urtext beruhten, sondern auf dem lateinischen Text.

Wichtige Ausgaben ("Meilensteine")

Erscheinungsort und -jahr (Teil)übersetzung der Bibel Übersetzer/Herausgeber/Autor Vorlage
Köln, um 1478 Vollbibel Übersetzer unbekannt Lateinische Vulgata
Lübeck, 1494 Vollbibel Übersetzer unbekannt Lateinische Vulgata, Kölner Bibel
Halberstadt, 1520/22 Vollbibel Übersetzer unbekannt Lateinische Vulgata, Lübecker Bibel
Hamburg, 1523 Neues Testament Übersetzer unbekannt Lateinische Vulgata, Halberstädter Bibel, Übersetzung Luthers
Wittenberg, 1523. Umdruck 1528 Pentateuch Übersetzer unbekannt Übersetzung Luthers, andere Vorlagen?
Wittenberg, 1523. Umdruck 1528 Neues Testament Theodoricus Smedecken (Übersetzer) Übersetzung Luthers, Neues Testament (Hamburg, 1523), Halberstädter Bibel
Wittenberg, 1524 und Wittenberg, 1525 Neues Testament
Vorrede NT 1
Übersetzer unbekannt
Johannes Bugenhagen (Herausgeber)
Johannes Bugenhagen (Autor Vorrede NT 1)
Übersetzung Luthers, Urtext
Wittenberg, 1529 Neues Testament
Vorrede NT 1 und Vorrede NT 2
Summarien
Johannes Bugenhagen (Herausgeber)
Johannes Bugenhagen (Autor Vorrede NT 1, Vorrede NT 2 und Summarien)
Übersetzung Luthers, Urtext
Lübeck, 1533/34 Vollbibel
Vorrede AT, Vorrede NT 1 und Vorrede NT 2
Randglossen
Übersetzer unbekannt
Johannes Bugenhagen (Herausgeber),
Johannes Bugenhagen (Autor Vorrede AT, Vorrede NT 1, Vorrede NT 2 und Randglossen)
Übersetzung Luthers, Urtext
Wittenberg, 1541 Vollbibel
Summarien Bugenhagens und dazugehörige Vorrede
Summarien Veit Dietrichs und dazugehörige Vorrede
Johannes Bugenhagen (Herausgeber),
Johannes Bugenhagen (Autor der Summarien)
Veit Dietrich (Autor der Summarien)
Summarien und Randglossen weitgehend aus dem eigentlichen Text entfernt und mit eigener Vorrede dem Bibeltext angehängt, außerdem eine Übersetzung der Summarien Veit Dietrichs.
Hamburg, 1596 Vollbibel
Summarien
Einteilung in Verse
David Wolder (Herausgeber)
Veit Dietrich (Autor der Summarien)
Neuausgabe des niederdeutschen Bibeltextes in überarbeiteter Rechtschreibung unter Berücksichtigung der hochdeutschen Übersetzung Luthers und des Urtexts(?). Einteilung in Verse. Übersetzung der Summarien von Veit Dietrich.

Die Entwicklung des niederdeutschen Bibeltextes war mit dem Erscheinen der Bibel von 1533/34 noch keinesfalls abgeschlossen. Martin Luther hat nämlich bis zu seinem Tode 1546 den Text seiner Übersetzung durchgesehen und verbessert, und die Ergebnisse dieser Überarbeitung haben wiederum Eingang in den niederdeutschen Bibeltext gefunden. An den Zusammenkünften, während derer die Bibelübersetzung korrigiert wurde, hat Johannes Bugenhagen teilgenommen (vgl. Vogt, 1867, S. 401 f.).

 

Zwei anonyme Übertragungen der Lutherschen Übersetzung des Neuen Testamentes (1523)
1523 sind zwei anonyme Übertragungen des Neuen Testamentes nach Luther erschienen: Hamburg, 1523 und Wittenberg, 1523a. Der Forschung ist es inzwischen gelungen, Theodoricus Smedecken aus Goslar als Urheber der Wittenberger Ausgabe zu identifizieren (vgl. Theodor Smedeckens niederdeutsche Übertragung von Luthers Neuem Testament, 2005):

1523 ist ein Lesebuch biblischer Texte unter dem Titel "Ein bedebok vnd lesebok D. Mart. Luther" bei Melchior Lotter dem Jüngeren in Wittenberg erschienen, in dessen Kolophon Theodoricus Smedecken als Übersetzer des Werkes genannt wird. Der Wortlaut der neutestamentarischen Texte dieses Buches stimmen weitgehend mit dem Text des 1523 ebenfalls bei Melchior Lotter dem Jüngeren erschienenen Neuen Testamentes (Wittenberg, 1523a) überein. Beide Werke sind in demselben charakteristischen Dialekt geschrieben.

Smedecken hat sich wohl ähnlich wie Luther an der damals gesprochenen Sprache orientiert. Seine Übersetzung ist sprachlich moderner als die der vorreformatorischen Bibeln. Allerdings ist die Sprache dieser Übersetzung weniger überregional konzipiert als die der von Bugenhagen herausgegebenen Übersetzung. Smedeckens Übertragung zeigt regionalsprachliche Eigentümlichkeiten, die man heute noch in manchen Dialekten Ostfalens und Ostwestfalens so oder so ähnlich beobachten kann, wie z.B.: oen(e)/ön(e) und oem(e)/öm(e) (ihn und ihm), seigen (sähen), frygeth (heiratet), van harthen (von Herzen), ghelauen (Glauben), twiszken (zwischen) und midde (mit).

Dem Niederdeutschen ist Smedecken jedenfalls nicht gerecht geworden. Im Text finden sich überall eingestreut Ausdrücke und grammatische Konstruktionen, die dem Niederdeutschen fremd sind und offensichtlich dem hochdeutschen Text entstammen. Smedecken benutzt z.B. einmal das hochdeutsche Wort Samen. An anderer Stelle gebraucht er hingegen das gut niederdeutsche Wort saeth (sprich: Soat). Auch findet sich im Text die offensichtlich hochdeutsche Form yhm, obwohl Smedecken ansonsten das niederdeutsche Pronomen verwendet. Ebenso schreibt Smedecken an einer Stelle des todes, während er normalerweise das niederdeutsche Wort verwendet. Ebenso schreibt Smedecken swentzen (hochdeutsch: Schwänzen, plattdeutsch hingegen: Sterter). Offensichtlich ist diese Übersetzung nicht mit der nötigen Sorgfältigkeit korrigiert und überarbeitet worden. Die Rechtschreibung von Smedeckens Übersetzung ist eigenwillig.

Smedecken hat mehrere Jahre in Leipzig, also im hochdeutschen Raum, studiert. Das mag erklären, warum ihm die hochdeutschen Wörter nicht immer aufgefallen sind. Vermutlich hat er in Goslar keinen Zugang zu höherer Bildung gehabt. Das jedenfalls würde die eigenwillige Rechtschreibung erklären, auch den Umstand, dass Smedecken im Grunde Dialekt schrieb. Smedeckens Übertragung erreicht nicht das Niveau der niederdeutschen Kultur- und Schriftsprache. Vielmehr befindet sich diese Übersetzung in einer mittleren Position zwischen dem heutigen Niederdeutschen und der alten niederdeutschen Schreibsprache, was dieses Werk zu einem wichtigen Denkmal der niederdeutschen Sprachgeschichte macht. Smedecken hat 1524 der Reformation abgeschworen, nachdem er einige Zeitlang in Beugehaft gewesen war. Er tritt danach nicht mehr als Autor theologischer Schriften in Erscheinung.

Smedeckens Übertragung war eine in Hamburg erschienene Übersetzung des Lutherischen Neuen Testamentes vorangegangen. Der unbekannte Autor hat wie Smedecken bei der Übersetzung auch die ein Jahr zuvor erschienene Halberstädter Bibel und die Vulgata benutzt. Theodor Smedecken scheint bei seiner Übersetzung auf die Hamburger Ausgabe zurückgegriffen zu haben.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass 1523 eine niederdeutsche Übersetzung einer Flugschrift bei Melchior Lotter dem Jüngeren in Wittenberg erschienen ist, deren Sprache der Smedeckens ähnelt.

 

Eine anonyme Übersetzung des Pentateuchs (1523)
Die niederdeutsche Übersetzung der fünf Bücher Moses, die 1523 bei Melchior Lotter und Michael Lotter in Wittenberg erschienen ist, geht wohl nicht auf Smedecken zurück, da dieser Übersetzung der engrisch-ostfälische Einschlag fehlt, der Smedeckens Werk kennzeichnet. Der Text der Pentateuch-Übersetzung von 1523 ist - mit späteren Korrekturen und Überarbeitungen - offensichtlich die Grundlage des von Johannes Bugenhagen herausgegeben niederdeutschen Pentateuchtexts. Möglicherweise war der Urheber dieser Übersetzung an anderen Teilübersetzungen des Bibeltextes, die unter Leitung Johannes Bugenhagens stattfanden, auch in irgendeiner Art und Weise beteiligt.

Es stellt sich der Eindruck ein, dass die Übertragung der Lutherbibel in das Niederdeutsche anfangs von verschiedenen Übersetzern gleichzeitig begonnen wurde, die unabhängig voneinander und auf eigene Faust handelten. Nachdem Johannes Bugenhagen die Leitung übernommen hatte, erhielt diese ehrgeizige Unternehmung erst eine feste Richtung und den notwendigen sprachlichen und wissenschaftlichen Tiefgang.

 

Die von Johannes Bugenhagen herausgegebene Übertragung des Lutherischen Bibeltextes (1524 - 1533/34)
Offensichtlich genügten die vorangegangenen Übersetzungen nicht den theologischen Maßstäben, die im Kreise Luthers angelegt wurden. In der Vorrede zur Ausgabe Wittenberg, 1525 schreibt Bugenhagen mit wahrscheinlich Blick auf die vorangegangene Ausgabe Wittenberg, 1523a (Smedecken): "... vnde ys nicht alse de erste Vordüdeschynge was, sunders reyn vnde fyn."

In der Vorrede zur Ausgabe Wittenberg, 1541 urteilt er weiter mit Blick auf die vorreformatorischen Bibeln, die auf der lateinischen Vulgata beruhen: "De olde Düdesche Biblia / van vnuorstendigen Lüden / vth dem Latine vordüdeschet / ys yegen desse tho achten Narrewerck / vnd nicht wërdt / dat se Düdesch heten schal."

Der oder die Übersetzer
Es ist sicher, dass die Übersetzung nicht von Bugenhagen selbst angefertigt worden ist. An schwierigen Stellen allerdings hat er dem Übersetzer oder den Übersetzern beratend zur Seite gestanden. In der Vorrede der 1525 erschienenen niederdeutschen Übersetzung des Neuen Testamentes (Wittenberg, 1525) schreibt Bugenhagen über seine Rolle:

"Wo wol överst, dat desse arbeyt ys vullenbracht dorch eynen anderen, doch hebbe ick gehandelt vnde radt gegeuen in allen örden vnde steden da ydt swer was in vnse düdesch tho bringende." Bugenhagen wird das Werk also redigiert und herausgegeben haben.

Leider kennen wir die Person des eigentlichen Übersetzers oder der Übersetzer nicht. Einen möglichen Hinweis verdanken wir Diederich von Stade: "Man hält insgemein dafür, daß die deutsche Bibel Lutheri von D. Joh. Bugenhagen, Pomerano, ins Nieder-Sächsische übersetzt sey: Woher aber solches zu beweisen, habe bisher keine Nachricht finden können: Wol aber, daß es von einigen Studiosis aus hiesiger Gegend, an der Weser bürtig, die bey des seligen Herrn Lutheri Zeiten in Wittenberg gelebet, und vielleicht, unter D. Bugenhagens Direction, geschehen sey." (Erläuter- und Erklärung der vornehmsten deutschen Wörter in Luthers Bibel-Übersetzung S. 17-18). Leider entbehrt diese grundsätzlich ernst zu nehmende Mitteilung des Beweises.

Vermutlich hat man den oder die Übersetzer tatsächlich im Umfeld der Universität Wittenberg zu suchen. Die frühesten skandinavischen Bibelübersetzungen jedenfalls haben einen Bezug zu Wittenberg und der dortigen Universität:

Man hat sich den oder die niederdeutschen Bibelübersetzer wohl als einen lutherischen Theologen vorzustellen, der sich im Zeitraum von 1523 bis 1533 in Wittenberg aufgehalten hat. Zu denken ist an niederdeutsche Theologen wie Johannes Freder (1507-1562), der im betreffenden Zeitraum in Wittenberg studiert hat und im späteren Leben Lutherschriften in o.a. das Niederdeutsche übersetzt hat. Nur war Freder im fraglichen Zeitraum viel zu jung, um als Übersetzer der Bibel in Frage zu kommen. Im Briefwechsel Bugenhagens lässt sich kein Hinweis auf den niederdeutschen Übersetzer finden. Ich halte dies für ein Indiz dafür, dass ein niederdeutscher Übersetzer nicht schwer zu finden war, sondern dass im Umfeld der Universität genug geeignete Kandidaten bereit standen. Anders wären auch die zahlreichen niederdeutschen Übersetzungen Wittenberger theologischer Literatur, wie z.B. die niederdeutschen Übersetzungen von Philipp Melanchthons Hauptwerken Loci communes rerum theologicarum und Corpus doctrinae Christianae, überhaupt nicht möglich gewesen.

Die Summarien
Johannes Bugenhagen ist Urheber der Randglossen, kurzer Erläuterungen verschiedener Passagen des Bibeltextes und der Summarien, kurzer Zusammenfassungen. In der Ausgabe Wittenberg, 1541 hat er diese Ergänzungen aus Respekt vor Luthers Werk wieder weitgehend aus dem eigentlichen Text entfernt und dem Bibeltext angehängt, wie er in der Vorrede zu den Summarien darlegt:

"Ock darumme / dat yck de Sassissche Biblia / wedder reyn Luthers makede / Alse denn Doctor Martinus vormanet / dat men em de Hoghdüdessche Biblia reine late. Wente desse Sassissche Biblia / ys szo wol syne / alse de Hoghdüdesche / Vp dat yck mit mynem thosettende / nicht orsake geue einem yewelcken / tho meistern vnd tho tosettende / vnde desse Biblia also tho vorderuende / De mit so groter kunst möye vnde arbeide / vth Gades gnaden gemaket ys / dath nemandt anders negest Gade / einen Namen daruan hebben schal / Sunder se schal hete<n> des Luthers Biblia / Vp dat ock alle leue kinder Gades de nu dath reine Euangelium Christi lëff hebben / weten mögen / wor desse Biblia orsprüncklich herkumpt."

Bugenhagen muss übrigens ein früher Anhänger offener Information gewesen sein. Die freie Nutzung seiner Summarien jedenfalls hat er ausdrücklich erlaubt: "Vp dat se ein yeder mach by de Biblia binden laten / edder süß nha synem geualle / besundergen gebruken."

Die Summarien sind noch Jahrzehnte später zusammen mit der Übersetzung der Summarien Veit Dietrichs nachgedruckt worden (vgl. Magdeburg, 1545c, Wittenberg, 1565, Wittenberg, 1569, Wittenberg, 1574 und Magdeburg, 1578b).

Johannes Bugenhagen Pomeranus
Johannes Bugenhagen Pomeranus (1485-1558)
Die Sprache der Übersetzung
Die Sprache der niederdeutschen Bibel ist häufig kritisiert worden: Die niederdeutsche Bibel habe sich zu sehr an den hochdeutschen Text angelehnt und sei darum irgendwie mitverantwortlich für den einsetzenden Sprachwechsel zum Hochdeutschen. - Die Germanistik ist aber glücklicherweise inzwischen zu einem viel ausgewogeneren Urteil gekommen. - Tatsächlich sind der oder die Übersetzer damaligen Gepflogenheiten entsprechend, soweit wie möglich, dem Text der Lutherbibel gefolgt. Wenn das Niederdeutsche dies nicht zuließ, sind sie aber eigene Wege gegangen. Bugenhagen hat diese Übersetzungsmethode 1541 folgendermaßen charakterisiert:

"De hochdüdesche Biblia des Eerwerdigen Doctoris Martini Lutheri, mynes leuen Heren vnd Vaders in Christo, ys in dyt Sassesche düdesch vpt alder vlitigste vthgesettet, vth synem Beuele schyr van worde tho worde, so vele alse ydt de art der reynen sprake hefft lyden mögen." (vgl. Wittenberg, 1541).

Dass es Bugenhagen mit der Eigenheit des Niederdeutschen tatsächlich ernst gewesen sein muss, zeigt der Vergleich der Ausgaben Wittenberg, 1528a (Umdruck von Wittenberg, 1523a) und Wittenberg, 1525: An den Stellen, an denen sich ein hochdeutscher Ausdruck in der Übersetzung Theodoricus Smedeckens findet, bringt der von Johannes Bugenhagen herausgegebene Texte beinahe durchgängig den echt niederdeutschen Ausdruck.

Da die Forschung erst vor wenigen Jahren auf Theodor Smedecken als Übersetzer des Neuen Testamentes nach Luther aufmerksam geworden ist, gehe ich davon aus, dass in der Vergangenheit einige Autoren das Werk Smedeckens für das Bugenhagens gehalten haben.

Die Sprache der von Bugenhagen herausgegebenen Übersetzung zeigt ganz im Gegenteil, dass das Niederdeutsche auf dem Wege zu einer einheitlichen Schriftsprache weit vorangekommen war. Das für den des Niederdeutschen kundigen Leser Reizvolle dieser Übertragung liegt darin, dass man diese Bibel lesen kann, ohne über spezielle Kenntnisse verfügen zu müssen. Die Kölner Bibel, die Lübecker Bibel und die Halberstädter Bibel waren, obwohl nur wenige Jahre älter, noch viel mehr typisch mittelniederdeutschen Formen verhaftet. Ähnlich wie Luther haben sich vermutlich auch die Übersetzer der niederdeutschen Bibel von der damals gesprochenen Sprache inspirieren lassen. Dass man dabei den richtigen Ton getroffen hat, zeigt die große Zahl der Neuauflagen, die die niederdeutsche Bibel bis zum Untergang des niederdeutschen Buchdrucks im Dreißigjährigen Krieg erfuhr.

 

Die niederdeutsche Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus (1548/49)
Eine eigenständige Entwicklung stellt die niederdeutsche Psalmenübersetzung des aus Westfalen stammenden niedersächsischen Reformators Antonius Corvinus (Hannover, 1549) dar. Die Vorrede zur Psalmenübersetzung ist auf den Dezember 1548 datiert.

Man darf in dieser Übertragung nicht den Beginn eines konkurrierenden niederdeutschen Bibeltextes sehen, vielmehr ging es Corvinus einzig und allein darum, die lateinische Paraphrase (freie Übersetzung) der Psalmen durch Johann von Campen den Bewohnern der sächsischen (niederdeutschen) Lande zugänglich zu machen, wie er in der Vorrede zur niederdeutschen Psalmenübersetzung darlegt. Corvinus bemerkt in der Vorrede, dass die Paraphrase mehr zum Verständnis der Psalmen beitrage, als viele Kommentare und Glossen. Die lateinische Paraphrase durch Johann von Campen beruht auf dem hebräischen Urtext, während die von Johannes Bugenhagen herausgegebene Bibelübersetzung an den Stellen, an denen Luthers hochdeutsche Übersetzung nicht hinreicht, auf den griechischen Urtext zurückgreift.

Folgende Umstände dürften Corvinus veranlasst haben, diese Übersetzung auf sich zu nehmen:

Antonius Corvinus (1501-1553)
Antonius Corvinus (1501-1553)
Die Sprache der Psalmenübersetzung
In der Vorrede schreibt Corvinus, dass er das Niederdeutsche 24 Jahre lang in Wort und Schrift arg vernachlässigt habe. Das mag übertrieben sein. Die niederdeutschen, mit seinem Namen verbundenen Werke Corvinus 1537, Corvinus 1538a, Corvinus 1538b, Corvinus 1539, Braunschweig-Calenberg, 1543, Braunschweig-Wolfenbüttel, 1543, Braunschweig-Calenberg, 1544, Hildesheim, 1544 sind aber auf jeden Fall Übersetzungen Dritter bzw. von anderen verfasst. Die mit Ostfalismen durchsetzte Sprache dieser Veröffentlichungen bestätigt das. Die Ostfalismen fehlen nämlich ganz und gar in der von Corvinus verfassten Psalmenübersetzung.

Corvinus schreibt in der Vorrede: "Yfft ick dem Vordüdeschen nicht allenthaluen genoch gedan / dat gy solckes nicht myner vnwetenheit / sunder veel mehr dem gebreken tho schriuen willen / dat ick de Sassische sprake yn 24. Jahren / wedder ym reden noch ym schriuen gebruket hebbe. Süss hedde ick yo / wenn ick vth dem bruke nicht kamen were / alse ein de ym Stiffte Padelborn tho Warberch gebaren / egentliker de wörde geuen können / welckeres my nu de angetagen tidt seer benamen hefft. So wethe gy dennoch ock / dat desülue Sassische sprake / nicht aller dinge allenthaluen öuer ein kümpt / vnde dat etlike wörde anders yn den Seesteden / anders yn düssen Brunswikeschen Landen / anders yn Westfalen etc. Gebruket vnde vthgeredet werden."

Die heutige dialektale Unterteilung des Niederdeutschen in Nordniedersächsisch, Ostfälisch und Westfälisch muss sich also bereits im 16. Jh. abgezeichnet haben. Man könnte nun meinen, Corvinus hätte westfälische Mundart geschrieben. Dem ist nicht so. Wenn überhaupt Westfalismen in der von Corvinus verfassten Psalmenübersetzung vorkommen sollten, müssen diese sehr dünn gesät sein.

Die Stellung der Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus
Soweit ich weiß, ist nicht erforscht worden, ob und inwieweit die Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus von der niederdeutschen Bibel beeinflusst worden ist und ob die Psalmenübersetzung des Corvinus ihrerseits wieder auf den Text der niederdeutschen Bibel eingewirkt hat. Ich halte das für unwahrscheinlich.

Die Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus scheint eine ganz eigenständige Übertragung zu sein, die letztlich auf den hebräischen Urtext zurückgeht.

 

David Wolders Neuausgabe des niederdeutschen Bibeltextes (1596)
Vermutlich wurde der Text der niederdeutschen Bibel gegen Ende des 16. Jhs. als veraltet erfahren. Jedenfalls sah der Hamburger Theologe David Wolder sich genötigt, den Text neu herauszugeben. Im Vorwort zur Hamburger Ausgabe der niederdeutschen Bibel von 1596 beklagt Wolder, dass die sächsische Bibel in Verfall geraten sei und fährt fort:

"Wat ick nu daranne dörch Gades gnedige hülpe mit grotem arbeyde mach praesteret vnde vthgerichtet hebben / dat wil ick mynen leven Sassen / in einem sünderliken bokeschen hyrby tho erkennende geven. In der körte averst darvan tho redende / so hebbe ick in alle mynem arbeyde / dat ick disser Bibel halven gehadt / darhenne gesehen: Dat se Doctor Luthers Bibel nicht allene heten / sünder ock syn vnde blyven mochte: vnde / Dat wy de rechte purreyne Sassische sprake / mit der Misnischen / edder Oldtfrenkischen / vnde Vkerwendischen Sprake [Kauderwelsch] vnvormengt darinne müchten hebben vnde lesen. Hyr mut sick de Leser averst ock na richten. Wente falt wor an einem orde in disser Bibel wat vör / dat anders ludt / alse thovörn / de vorhaste sick im richtende nicht / wil he anders recht van der sake richten vnde ordelen / sünder see jnt erste vp den Misnischen text / wo ydt darinne ludt / vnde darna up de rechte Sassische sprake / wat ere rechte art yss. Wen ein Leser disse vörsichticheyt gebruket / kan he sick so vehle beter in alle sake schicken / vnd sick vörsehen / dat he nicht lichtliken einen archwan vnde vordacht vp disse Bibel fate."

Die Forschung schätzt Wolders Eingriffe in den von Bugenhagen herausgegebenen Text allerdings als eher geringfügig ein. Goeze (1717-1786) äußert sich zum Wolderschen Text folgendermaßen: "Ich habe mich die Mühe nicht verdriessen lassen, diese Ausgabe [Hamburg, 1596] mit der Lufftischen von 1574. in vielen Stellen zu vergleichen, aber nichts gefunden, das entweder der Klagen, welche Wolder über die vorhergehenden Ausgabe ausschüttet, oder des grossen Ruhms, den er sich selbst wegen der Verbesserung des Textes beygeleget hat, würdig wäre. Es sind lauter wenig bedeutende Kleinigkeiten, welche ich in Wolders Ausgabe anders finde, und es ist die Frage, ob diejeningen Wörter, welche er verändert hat, nicht vorher besser und ächter niedersächsisch gewesen, als sie solches durch seine Veränderung geworden sind." (Versuch einer Historie der gedruckten niedersächsischen Bibeln vom Jahr 1470 bis 1621 S. 379.)

Wolder scheint dennoch den Bibeltext in mehrfacher Hinsicht zugänglicher gemacht zu haben:

Die moderne Forschung hat den Aspekt der veränderten Rechtschreibung der Wolderschen Ausgabe weitgehend ausgeblendet.

Der Gelehrte Diederich von Stade (1637-1718) sah die Sache klarer. Auf Seite 22-23 von Erläuter- und Erklärung der vornehmsten deutschen Wörter in Luthers Bibel-Übersetzung bemerkt er bezüglich der von Wolder herausgegebenen Bibel: "Daß im Textu und den Wörtern selbst etwas darin geändert / habe nicht sonderlich / als etwa in der Orthographie, finden können. Der Ohrt I. Joh. III.7. so in unsern Bibeln nun stehet / ist bey sel. Herrn Lutheri Lebzeiten in seiner deutschen Bibel nicht zu lesen gewesen / weil er denselben in seinem Exemplar, so er vor sich gehabt / und in einigen andern / nicht gefunden / also auch nicht in der alten Nieder-Sächsischen Bibel. Darum aber ist die Bibel Wolderi zum Gebrauche / so wol im Nachschlagen / als wegen der locorum parallelorum, oder gleichstimmigen Oerter / vorzuziehen / daß sie auch mit abgetheilten Versiculis gedruckt ist. Das Büchlein / dessen Wolderus dabey erwehnet / habe bis hierher nicht erlangen können / woraus vermuhtlich mit mehrerm zu ersehen seyn dürffte / was an Verbesserung des Textes selbsten geschehen. "

Jäncke (1702-1750) und Oelrichs (1722-1799) kommen zu folgendem Urteil: "Diese Edition [Hamburg, 1596], welche von denen vorigen in vielen Stücken abgehet, hat man dem gelehrten David Woldero, Predigern zu Hamburg zu dancken, welcher die gantze Bibel durchgegangen, die Schreib- und Redens-Arten, nach der damahligen Zeit verändert, die Verse ordentlich abgetheilet, und die Summarien über alle Capitel gesetzet hat, wie Er solches in der Vorrede selbst meldet. Es ist aber nicht zu leugnen, daß Er öffters ohne Noth die alte Version Bugenhagii geändert, und den Glantz der Nieder-Sächsischen Sprache verdunckelt, um denen Ausdrückungen der hoch-deutschen Bibel näher zukommen." (Johann Davids Jänckens ausführliche und mit Urkunden versehene Lebens-Geschichte des vortrefflichen Kirchenlehrers D. Johann Bugenhagens, sonst auch D. Pommer genannt S. 146).

Zur Illustration der Entwicklung des niederdeutschen Bibeltextes von der ursprünglichen Ausgabe bis zu der der Wolderschen Textfassung stelle ich eine Textstelle in der Lübecker Ausgabe von 1533/1534 derselben Textstelle in der auf der Wolderschen Textfassung beruhenden Wittenberger Ausgabe von 1599/1600 gegenüber. Es ist zu ersehen, dass Wolders Eingriffe in den Wortlaut des Textes relativ unbedeutend sind, während die Schreibweise hingegen systematisch geändert worden ist:

Lübeck 1533/34 Wittenberg 1599/1600
Unde yck sach, dat ydt dat söste Segel updede, und sü, do wart eine grote erdtbevinge, unde de sünne warth swart, alse ein haren sack, und de Män wart alse blött, unde de sterne des hemmels vellen upp de erde, gelick alse ein vigenböm syne vigen affwerpet, wen he vam groten winde bewagen wert: unde de hemmel entwëck alse ein thogerullet böck, unde alle berge unde Insulen worden bewagen uth eren steden: unde de köninge up erden, unde de översten, unde de riken, unde de hövetlüde, unde de weldigen, unde alle knechte, unde alle frie, vorbergeden sick in den klüfften, unde velsen an den bergen. Und spreken tho den bergen und velsen. Vallet up uns und vorberget uns vor dem angesichte des, de upp dem stole sitt, und vor dem torne des lammes: wente de grote dach synes tornes ys gekamen, unde wol kan bestan.
De Apenaringe Johannis VI
Unde ick sach, dat ydt dat söste Sëgel updede. Unde süe, do wordt eine grote erdbëvinge, unde de Sünne wordt swart, alse ein haren sack, unde de maen wordt alse blodt, Unde de Sternen des Hemmels villen up de Erde, gelick alse ein vygenboem syne vygen affwerpet, wen he vam groten winde bewagen wert. Unde de Hemmel entweeck, alse ein thogerullet boeck, unde alle berge unde insulen wörden bewagen, uth eren örden, Unde de Köninge up erden, unde de aversten, unde de ryken, unde de Hövetlüde, unde de weldigen, unde alle knechte, unde alle fryen, vorbergeden sick in den klüfften unde velsen, an den bergen. Unde spreken tho den bergen unde velsen: Vallet up uns, unde vorberget uns vör dem angesichte, des, de up dem stole sitt, unde vör dem torne des Lammes. Wente de grote dach synes tornes ys gekamen, unde wol kan bestahn?
De Apenbaringe S. Johannis VI, 12-17
De endige handt wert herschen, De averst träch ys, de wert tyns möthen geven. Sorge im herten, krencket, averst ein fründlick wort vorfrowet. De rechtverdige hefft ydt beter, den syn negeste, Averst der Godtlosen wech vorvöret se. Eynem unendigen geret syn handel nicht, Averst ein endich minsche, wert ryke. Up dem wege der gerechtigheit, ys dath lëvent. Unde up dem gebänten styge, ys nën dödt.
Proverbia XII
De vlitige Handt wert Herrschen, de överst trach ys, de wert tins möthen gëven. Sorge im herten krencket, överst ein fründlick wordt vorfröwet. De rechtverdige hefft ydt bëter alse syn negeste, överst der Godtlosen Wech vorvöret se. Einem vorsümliken geredt syn handel nicht, överst ein vlitich Minske wert ryke. Up dem rechten Wëge ys dat lëvendt, unde up dem gebanden styge ys neen dodt.
Proverbia. De Spröke Salomonis XII, 24-28

In der Wolderschen Textfassung stechen folgende Verbesserungen der Schreibweise gegenüber der der ursprünglichen Ausgabe ins Auge:

Dass Wolder mit seiner Neuausgabe des Bugenhagenschen Textes ein echtes Bedürfnis befriedigt hat, lässt sich schon daran ersehen, dass, wie es scheint, (beinah) alle Ausgaben der niederdeutschen Bibel nach 1596 auf der Wolderschen Textfassung basieren (vgl. Versuch einer Historie der gedruckten niedersächsischen Bibeln S. 380 von Johan Melchior Goeze.). Die Bibel von 1596 und die ihr folgenden Ausgaben tragen den Titel "Biblia. Dat ys de gantze hillige Schrifft Sassisch." Auf den Titelblättern der älteren Ausgaben findet sich das Wort "Sassisch" nur sehr selten. Meistens wird das Wort "Düdesch" gebraucht.

Weitere niederdeutsche Werke David Wolders sind eine Übersetzung der Christlichen Zeitvertreibers von Michael Sachs (Sachs, 1597a und Sachs, 1597b bzw. Sachs 1605a und Sachs 1605b), eines seinerzeit weit verbreiteten Werkes, mit dem auf unterhaltsame Art Bibelkenntnisse abgefragt wurden, eine Übersetzung von Oeconomia oder Bericht vom christlichen Hauswesen von Johann Mathesius (Mathesius, 1596) sowie zwei Kirchenlieder (Wolder, 1590 bzw. Wolder, 1612). Wolders wissenschaftliches Hauptwerk ist eine in vier Spalten gedruckte Bibelausgabe, die Biblia quadrilinguia, die den griechischen Text der Septuaginta, die lateinische Vulgata, die lateinische Übersetzung von Pagnini bzw. die von Beza und die deutsche Übersetzung Martin Luthers enthält.

Man hat sich David Wolder wohl einerseits als Theologen vorzustellen, der keine Mühen scheute, um die Bibel den Menschen nahezubringen, andererseits muss er aber auch ein sächsischer Patriot gewesen sein, der seiner Muttersprache zu ihrem Recht verhelfen wollte. Das kleine Buch, das Wolder in obigem Zitat in Aussicht stellt und in dem er seine Neuausgabe des niederdeutschen Bibeltextes näher erläutern wollte, ist wohl nicht mehr erschienen. David Wolder starb 1604 an der Pest.

 

Die Wirkung der niederdeutschen Bibelübersetzungen

Niederdeutsche Sprache der Reformation
Der von Bugenhagen herausgegebene niederdeutsche Text der Lutherbibel und dessen spätere Neuausgabe durch Wolder erreichten im Gefolge der Reformation breite Bevölkerungsschichten in ganz Niederdeutschland. Noch heute gibt es fast überall in den protestantischen Teilen des niederdeutschen Raumes Exemplare der niederdeutschen Bibel. Außerdem finden sich an vielen alten Fachwerkhäusern in Niederdeutschland Zitate aus der niederdeutschen Bibel. Besonders bemerkenswert sind die niederdeutschen Bibelsprüche im Gewölbe der Kirche St. Nikolai in Lemgo. (Siehe auch die 1586 in Lemgo erschienene Psalmenausgabe.)

Man darf Bugenhagen mit Fug und Recht als Reformator Niederdeutschlands (und Skandinaviens) bezeichnen. Eine Reihe von Kirchenordnungen, durch die die Reformation in niederdeutschen Territorien eingeführt wurde, geht auf Johannes Bugenhagen zurück: Braunschweig (1528), Hamburg (1529), Lübeck (1531), Pommern (1535), Schleswig-Holstein (1542), Braunschweig-Wolfenbüttel (1543) und Hildesheim (1544). Außerdem war Bugenhagen an der Entstehung der Kirchenordnung von Dänemark und Norwegen (1537) beteiligt. Mancherorts in Niederdeutschland stellte man gar keine eigene Kirchenordnung auf, sondern übernahm Bugenhagens Braunschweiger Kirchenordnung, die als mustergültig galt. Ein Beispiel solch einer Kirchenordnung ist die Göttinger Kirchenordnung (1531).

Eine niederdeutsche Schriftsprache
Bugenhagen und seine Mitarbeiter haben eine Schriftsprache geschaffen, die imstande war, die verschiedenen regionalen Spielarten des Niederdeutschen zu überdachen. Diese sprachliche Leistung ist durchaus mit der Luthers zu vergleichen. Ohne den Schreibsprachenwechsel zum Hochdeutschen würde heute in Niederdeutschland eine Sprache geschrieben, vielleicht auch gesprochen, die sich aus der Sprache der niederdeutschen Bibel entwickelt hätte. Aufgrund ihrer relativ geringen Verbreitung und ihres beschränkten Gebrauchs haben weder die Übersetzungen des Jahres 1523, noch die drei vorreformatorischen Bibeln die Entwicklung des Niederdeutschen beeinflusst. Die Bedeutung dieser Übersetzungen liegt darin, dass sie Zeugnisse einer frühen Phase der Übersetzungsgeschichte der Bibel sind.

 

Auswirkungen auf Skandinavien

Druckermarke des Ludowich Dietz
Druckermarke des Ludowich Dietz
Die erste niederdeutsche Vollbibel (Lübeck, 1533/34) und die erste dänische Vollbibel (Kopenhagen, 1550)
Die erste niederdeutsche Vollbibel (Lübeck, 1533/34) muss in Dänemark nachhaltigen Eindruck gemacht haben. Die erste dänische Vollbibel (Kopenhagen, 1550) stimmt jedenfalls im Titelblatt, den Holzschnitten und der Verteilung der Holzschnitte mit der Ausgabe Lübeck, 1533/34 genau überein.

Der Druck der Ausgabe Kopenhagen, 1550 wurde von Ludowich Dietz besorgt, der bereits die Ausgabe Lübeck, 1533/34 gedruckt hatte und den man zum Zwecke des Drucks der ersten dänischen Vollbibel eigens von Rostock nach Kopenhagen hatte kommen lassen. Im Nachwort zur Ausgabe Rostock 1548/53 erläutert Dietz, dass der bereits 1548 begonnene Druck dieser Ausgabe erst 1553 habe fertiggestellt werden können, da er zwischenzeitlich zum Druck der dänischen Bibel nach Kopenhagen gerufen worden sei, von der auch dreitausend Exemplare gedruckt worden seien. Er selbst sei dafür ehrlich vom König belohnt worden und habe einen gnädigen Abschied erhalten.

Christian III. muss sein Reich, zum dem auch das heute schwedische Schonen und Norwegen gehörten, als ein zweisprachiges Reich gesehen haben. In jeder Kirche seines im Glauben geeinten Reiches sollte dasselbe Buch auf dem Altar liegen, entweder in dänischer oder in niederdeutscher Sprache.

Schleswig
Bereits 1537 war eine Kirchenordnung in lateinischer Sprache für den dänischen Gesamtstaat erschienen, die im Auftrage Christians III. verfasst worden war und zu der auch Johan Bugenhagen beigetragen hatte. Diese wurde 1539 in dänischer Sprache unter dem Titel Den rette ordinants vom dänischen Reichsrat zum Gesetz erhoben. In Schleswig-Holstein wurde die Kirchenordnung 1542 in modifizierter Form auf dem Landtag von Rendsburg angenommen, nachdem Bugenhagen erneut ins dänische Reich berufen worden war und den lateinischen Text der Kirchenordnung ins Niederdeutsche übersetzt und den Umständen in Schleswig-Holstein angepasst hatte.

Während seines ersten Aufenthalts in Dänemark (1537-1539) hatte Bugenhagen Christian III. zum König gekrönt und die in Verfall geratene Kopenhagener Universität wieder instand setzen lassen, deren Rektor er eine Zeitlang war. Das Amt des Bischofs von Schleswig, das Bugenhagen während seines zweiten Aufenthalts im dänischen Reich angetragen worden war, hat er nicht angenommen. Bugenhagen erklärte, er habe nicht mitgeholfen, die katholischen Bischöfe zu verjagen, um sich deren Ämter anzueignen. 1529 war Bugenhagen bereits kurzzeitig im dänischen Reich gewesen, um am Flensburger Colloquium, das am 8. und am 9. April desselben Jahres stattfand, teilzunehmen, auf dem die Lehre des Wiedertäufers Melchior Hoffmann verdammt und dieser des Landes verwiesen wurde (vgl. Bugenhagen, 1529b).

Bis zur Reformation war Latein die Sprache des Gottesdienstes gewesen. Evangelischer Lehre gemäß sollte der Gottesdienst nun in der Sprache des Volkes stattfinden. In Schleswig, wo niederdeutsche, nordfriesische und dänische Sprache einander berühren und durchdringen, stellte sich die Frage, welche Volkssprache das nun sein sollte. Noch zu Lebzeiten Christians III. bildete sich eine Grenze niederdeutscher und dänischer Kirchen- und somit auch Schulsprache in Schleswig heraus, die im 19. Jh. zu einer Grenze nationaler Gesinnung werden sollte. Dass die heutige Staatsgrenze mit der alten Grenze der Kirchensprache weitgehend übereinstimmt, ist daher auch kein Zufall. Zweifellos hat Christian III. sich das Zusammenleben der Völker seines Reiches ganz anders vorgestellt, als die Nationalisten des 19. Jhs.

Island und Norwegen
Die von Johannes Bugenhagen (ursprünglich auf Latein) verfasste Passionsgeschichte Historia des lidendes unde der Upstandinge unses Heren Jesu Christi entwickelte sich zu einem festen Bestandteil der niederdeutschen Literatur und wurde auch auf Island rezipiert: 1558 erschien in Kopenhagen eine isländische Übersetzung, die von Oddur Gottskálksson, dem Übersetzer des Neuen Testamentes in das Isländische, stammte.

Da der isländischen Übersetzung des Neuen Testamentes (Roskilde, 1540) ein Vorwort des Königs vorangestellt war, darf man wohl schließen, dass die Sprache des weitab gelegenen Islands im dänisch-niederdeutsch verwalteten Reiche Christians III. die Stellung einer anerkannten Minderheitensprache einnehmen sollte. Dies im Gegensatz zur Sprache Norwegens, die diese Stellung im dänischen Gesamtstaat niemals erlangen sollte. 1536 war die Selbstverwaltung Norwegens beendet und die Personalunion Dänemarks und Norwegens de facto durch eine Realunion ersetzt worden.

 

Der Abbruch des niederdeutschen Bibeldrucks (1623-1629)

Die niederdeutsche Bibel wurde bis in das 17. Jh. hinein regelmäßig neu aufgelegt. Die meines Wissens letzte mittelniederdeutsche Vollbibel erschien 1623 während des Dreißigjährigen Krieges bei Johann Vogt in Goslar (Drucker) und Johannes und Hinrick Stern in Lüneburg (Verleger). Der Dreißigjährige Krieg war 1618 in Böhmen ausgebrochen und griff 1620 auf Deutschland über. Das meines Wissens letzte mittelniederdeutsche Neue Testament erschien 1629 bei demselben Verleger und demselben Drucker.3 Um diese Zeit herrschte in Niederdeutschland bereits vollständiges Kriegschaos.

Der Abbruch niederdeutschen Bibeldrucks bedeutete noch keinesfalls das Ende der Niederdeutschen als Kirchensprache. Noch bis in das 18. Jh. erschienen weniger aufwendige, offensichtlich für den Gottesdienst bestimmte niederdeutsche Lektionare. In Schwedisch-Vorpommern wurde noch 1731 eine zweisprachige Ausgabe der pommerschen Kirchenordnung (Pommern, 1731) gedruckt.

 

Ausblick
Nach dem Erlöschen der alten niederdeutschen Kirchensprache erschien 1885 zum ersten Mal wieder ein neues Testament auf Niederdeutsch. Bezeichnenderweise handelt es sich bei diesem Neuen Testament um eine Übertragung des Bugenhagenschen Textes in eine moderne regionale Mundart. Kennzeichen der heutigen Mundartbibeln ist es, dass sie in einer mehr oder weniger kleinräumigen niederdeutschen Mundart geschrieben sind. In der Schreibweise lehnen diese Bibeln sich im Grunde alle an das Hochdeutsche an: Das Niederdeutsche wird phonetisch mit den Mitteln der hochdeutschen Rechtschreibung geschrieben. Wie es scheint, ist unter den herrschenden kulturellen Umständen einzig niederdeutsche Mundartliteratur lebensfähig und praktikabel.

Die Nachteile sind freilich auch nicht zu übersehen: Es findet kein intellektueller Austausch auf niederdeutsch statt, da die Autoren auf ihr eigenes Mundartgebiet beschränkt bleiben. Ein breit getragenes, sich über viele Jahre hinziehendes Projekt wie die niederdeutsche Bibelübersetzung des 16. Jhs. ist unter den gegenwärtigen Umständen überhaupt nicht vorstellbar. Die gängige Praxis zementiert ungewollt den ungerechtfertigten Status des Niederdeutschen als Dialekt. Man muss sich fragen, wohin die im 19. Jh. begonnene Wiederbelebung des Niederdeutschen als Kirchensprache eigentlich führen soll.

Ich habe auch keine Lösung dieses Dilemmas anzubieten, bin aber der festen Überzeugung, dass eine Rückbesinnung auf die Tradition der alten überregionalen niederdeutschen Kirchenliteratur notwendig ist. Ich gehe davon aus, dass der niederdeutsche Gottesdienst an Tiefe und Kraft gewinnt, wenn dessen Medium, das Niederdeutsche, wieder eine solide literarische Grundlage hat.

 


1 Mittelniederdeutsches o und oe werden im Ostwestfälischen noch immer als au und ou unterschieden.
2 Im heutigen Westfälischen sagt man bzw. .
3 Da ich das Buch in keinem Bibliothekskatalog finde, gebe ich an dieser Stelle die Titeldaten wieder: Dat nie Testamente / vordüdeschet dörch D.M. Luther. - Goßlar : gedrücket by Johann Vogt / in vorlegginge Johannes unde Hinrick Stern / boeckföhrers tho Lüneborch, im yahre [1629].

 

Literatur

 

Stand: 23. März 2017