Die Übersetzungen Die Übersetzungen von 1523 Ausgabe durch Bugenhagen (1524 - 1533/34) Eine Korrekturbibel (1530)
Psalmenübersetzung durch Corvinus (1548/49) Die Barther Bibel (1586/88) Neuausgabe durch Wolder (1596) Wirkung der Übersetzungen
Auswirkungen auf Skandinavien Abbruch (1623-29) Nach dem Abbruch (1704) Moderne Mundartbibeln und Ausblick (1885 - )
Literatur Karten Meilensteine  

 

Die verschiedenen niederdeutschen Bibelübersetzungen (ca. 1478 - 1533/34)
Ein besonders wichtiges Zeugnis der niederdeutschen Literatur ist die Übersetzung der Lutherbibel, die mit dem Reformator Johannes Bugenhagen ("Pomeranus"), einem Freund und Weggefährten Martin Luthers, eng verbunden ist. Vor der Reformation hatte es bereits andere gedruckte niederdeutsche Übersetzungen der Bibel gegeben, die aber nicht wie Luthers Übersetzung auf dem griechischen und hebräischen Urtext beruhten, sondern auf dem lateinischen Text.

Die Entwicklung des niederdeutschen Bibeltextes war mit dem Erscheinen der Bibel von 1533/34 noch keinesfalls abgeschlossen. Martin Luther hat nämlich bis zu seinem Tode 1546 den Text seiner Übersetzung durchgesehen und verbessert, und die Ergebnisse dieser Überarbeitung haben wiederum Eingang in den niederdeutschen Bibeltext gefunden. An den Zusammenkünften, während derer die Bibelübersetzung korrigiert wurde, hat Johannes Bugenhagen teilgenommen (vgl. Vogt, 1867, S. 401 f.).

 

Die Übersetzungen des Jahres 1523

Zwei anonyme Übertragungen der Lutherschen Übersetzung des Neuen Testamentes (1523)
1523 sind zwei anonyme Übertragungen des Neuen Testamentes nach Luther erschienen: Hamburg, 1523 und Wittenberg, 1523a.

Die Hamburger Ausgabe ist die frühere Ausgabe. Sie beruht auf Luthers Septembertestament, während die Wittenberger Ausgabe sowohl auf Luthers Septembertestament, als auch ab dem 1. Korintherbrief auf Luthers Dezembertestament aufbaut (vgl. Schaub, 1889). Der Forschung ist es inzwischen gelungen, Theodoricus Smedecken aus Goslar als Urheber der Wittenberger Ausgabe zu identifizieren (vgl. Brecht und Peters, 2005).

Die Ausgabe Hamburg, 1523
Es findet sich kein Hinweis auf Luther. Auch Luthers Randglossen fehlen. Gedruckt wurde das Buch von der sogenannten Presse der Ketzer. Es ist wenig über diese Druckerei bekannt. Es wurde darauf hingewiesen, dass die von dieser Druckerei gebrauchten Lettern einen niederländischen Eindruck machen (vgl. Goeze, 1775, S. 167). Vermutlich wurde die Druckerei von nach Hamburg geflüchteten niederländischen Glaubensflüchtlingen betrieben.

Der Text der Ausgabe beruht hauptsächlich auf Luthers Übersetzung. Der unbekannte Übersetzer hat jedoch auch regelmäßig die Halberstädter Bibel benutzt, um zwischen dem lutherschen Ausdruck und dem von der Halberstädter Bibel gebrauchten Ausdruck zu variieren. An einigen Stellen scheint der Übersetzer auf die lateinische Vulgata zurückgegriffen zu haben.

Die Ausgabe muss in Hamburg weite Verbreitung gefunden haben. Es ist uns eine Äußerung des Hamburger Kanonikers Nikolaus Bustorp überliefert, der sich darüber beklagt hat, dass die Leute das Neue Testament in (nieder)deutscher Sprache in die Kirche mitnähmen, obschon viele Fehler darin wären und darin läsen, anstatt die Predigt zu hören. Niemand könne das Evangelium oder die Briefe der Apostel verstehen, er habe denn den Geist Christi:

"Dat itzundes de Lüde dat Nye Testamente in dudescher Spracke, darinne vele Erdhome sindt, mit sich(sic!) in de Kercken dragen, dat sie(sic!) jummer etwas(sic!) daruth lesen mogen, were bether, se hören de Predigen, dewile nemandt dat Evangelium oder die Epistelen dero Apostole vorstan kan, he hebbe dan den Geist Christi."
(Vgl. Staphorst, 1729, S. 49. Siehe außerdem Goeze, 1765, S. 125-127. Zweifellos hat der Setzer Text und Schreibweise dieses niederdeutschen Zitates nicht ganz korrekt wiedergegeben.)

Die Ausgabe Wittenberg, 1523a
1523 ist ein Lesebuch biblischer Texte unter dem Titel "Ein bedebok vnd lesebok D. Mart. Luther" bei Melchior Lotter dem Jüngeren in Wittenberg erschienen, in dessen Kolophon Theodoricus Smedecken als Übersetzer des Werkes genannt wird. Der Wortlaut der neutestamentarischen Texte dieses Buches stimmen weitgehend mit dem Text des 1523 ebenfalls bei Melchior Lotter dem Jüngeren erschienenen Neuen Testamentes (Wittenberg, 1523a) überein. Beide Werke sind in demselben charakteristischen Dialekt geschrieben.

Smedecken hat sich wohl ähnlich wie Luther an der damals gesprochenen Sprache orientiert. Seine Übersetzung ist sprachlich moderner als die der vorreformatorischen Bibeln. Allerdings ist die Sprache dieser Übersetzung weniger überregional konzipiert als die der von Bugenhagen herausgegebenen Übersetzung. Smedeckens Übertragung zeigt regionalsprachliche Eigentümlichkeiten, die man heute noch in manchen Dialekten Ostfalens und Ostwestfalens so oder so ähnlich beobachten kann, wie z.B.: oen(e)/ön(e) und oem(e)/öm(e) (ihn und ihm), seigen (sähen), frygeth (heiratet), van harthen (von Herzen), ghelauen (Glauben), twiszken (zwischen) und midde (mit).

Dem Niederdeutschen ist Smedecken jedenfalls nicht gerecht geworden. Im Text finden sich überall eingestreut Ausdrücke und grammatische Konstruktionen, die dem Niederdeutschen fremd sind und offensichtlich dem hochdeutschen Text entstammen. Smedecken benutzt z.B. einmal das hochdeutsche Wort Samen. An anderer Stelle gebraucht er hingegen das gut niederdeutsche Wort saeth (sprich: Soat). Auch findet sich im Text die offensichtlich hochdeutsche Form yhm, obwohl Smedecken ansonsten das niederdeutsche Pronomen verwendet. Ebenso schreibt Smedecken an einer Stelle des todes, während er normalerweise das niederdeutsche Wort verwendet. Ebenso schreibt Smedecken swentzen (hochdeutsch: Schwänzen, plattdeutsch hingegen: Sterter). Offensichtlich ist diese Übersetzung nicht mit der nötigen Sorgfältigkeit korrigiert und überarbeitet worden. Die Rechtschreibung von Smedeckens Übersetzung ist eigenwillig.

Smedecken hat mehrere Jahre in Leipzig, also im hochdeutschen Raum, studiert. Das mag erklären, warum ihm die hochdeutschen Wörter nicht immer aufgefallen sind. Vermutlich hat er in Goslar keinen Zugang zu höherer Bildung gehabt. Das jedenfalls würde die eigenwillige Rechtschreibung erklären, auch den Umstand, dass Smedecken im Grunde Dialekt schrieb. Smedeckens Übertragung erreicht nicht das Niveau der niederdeutschen Kultur- und Schriftsprache. Vielmehr befindet sich diese Übersetzung in einer mittleren Position zwischen dem heutigen Niederdeutschen und der alten niederdeutschen Schreibsprache, was dieses Werk zu einem wichtigen Denkmal der niederdeutschen Sprachgeschichte macht. Smedecken hat 1524 der Reformation abgeschworen, nachdem er einige Zeitlang in Beugehaft gewesen war. Er tritt danach nicht mehr als Autor theologischer Schriften in Erscheinung.

Schaub (1889) S. 15f. zufolge hat Smedecken auf Hamburg, 1523 zurückgegriffen.

Hamburg, 1523 Wittenberg, 1528a (= Wittenberg, 1523a)
To der süluen stunde qwemen de iüngere<n> to Jhesu vnde spreke<n> / we is doch de gröteste in dem hemelrike? vnde Jhesus reep ein kynt to sick vnde settede dat mydden manck see / vnde sprack / vorwar ick segge iuw / Jdt sy de<n> dat gy iuw bekere<n> / vnde werden alsze de kinder / szo werde gy nicht in dat hemmelrike kame<n> / we nu sick süluen vorneddert alsze dyt kynt / de is de gröteste in dem he<m>melrike / vnde we sodane kynt vp nympt in myne<m> name<n> / de nympt my vp / we auerst argerdt disser geringesten einen de an my gelöuen / dem were beter dat ein mölensten an synen halsze gehangen were / vn<de> vordrencket worde in deme mere / dar idt deepest is.

We der werlt der argernisse haluen. Jdt is va<n> nöden dat de argernisse kamen / doch we de<m> mynschen / dorch welken de argernisse kumpt / wen auerst dyne handt edder dyn voet dy argert / so how en aff / vnde werp en van dy / Jdt is dy beter dat du to dem leuende lam edder ein kröpel in geist / alsze dat du beyde hande edder beyde vöthe heffst / vnde wordest in dat ewige vuer geworpen. Vn<de> wen dy / dyn oghe argert / brick idt vth vnde werp idt va<n> dy / Jdt is dy beter dat dy myt ene<m> oghe to dem leue<n>de in geyst / alsze dat du twe ogen haddest / vnde wordst in dat helsche vuer geworpen.
Matthäus XVIII
Tho ger suluigen stunde treeden de iungeren tho Jhesu / vnde seeden / we is doch de aller groeteste in deme hemmelrike? Vnde Jhesus reep ein kind tho sick / vnde settede dat twiszken se / vnde seede / Jck segge iw warlicken / dath sy denne dat gy vmme keren vnde werden also de kindere / so werde gy nicht in dat hemmelryke kamen / We sick nu suluest vornedderth / also dath kind / de is de aller grottheste in deme hemmelryke / vnde we sodane kindt vp nympt in mynem namen / de mympt my vp / we auer vorargerth dusser geringsten eynen / dede an my gheloeuen / dem were beether dath ein molen stein an synen hals gehenget worde / vnde he worde vorsoepet in deme meehre dar dath an deme depesten is.

Weh der werlde der argernisse halffen / idt moeth io argernisse kamen / doch weh dem minszken dorch welkeren argernisse kumpth / So auer dyn handt offte dyn foeth dick argerth / szo haw oene aff / vnde werp oene van dy / dat is dy bether / dat du tho deme leunede lam effte ein kroppel in geist / wen dat du twe hende vnd twene foete hebbest vnde wordest in dath ewige fuer geworpen / Vnde szo dy dyn oge argerth / ryth idt vth / vnde werp dath van dy / dath is dy bether / dath du eynoegich tho deme leuende in geyst / den dat du twe ogen hebbest / vnde werst in dath hellische fuer geworpen.
Matthäus XVIII

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass 1523 eine niederdeutsche Übersetzung einer Flugschrift bei Melchior Lotter dem Jüngeren in Wittenberg erschienen ist, deren Sprache der Smedeckens ähnelt.

Eine anonyme Übertragung der lutherschen Übersetzung des Pentateuchs (Wittenberg, 1523b)
Die niederdeutsche Übersetzung der fünf Bücher Moses, die 1523 bei Melchior Lotter und Michael Lotter in Wittenberg erschienen ist (Wittenberg, 1523b), geht nicht auf Smedecken zurück, da dieser Übersetzung der engrisch-ostfälische Einschlag fehlt, der Smedeckens Werk kennzeichnet. Der Text der Pentateuch-Übersetzung von 1523 ist - mit späteren Korrekturen und Überarbeitungen - offensichtlich die Grundlage des von Johannes Bugenhagen herausgegeben niederdeutschen Pentateuchtexts.

Zur Illustration werden hier zwei Textstellen in der Ausgabe Wittenberg, 1528b, die den Text der Ausgabe Wittenberg, 1523b wörtlich wiedergibt (vgl. Goeze 1777, S. 251-252) und wahrscheinlich ein Umdruck dieser Ausgabe ist, und die entsprechenden Textstellen in der von Johan Bugenhagen herausgegebenen Ausgabe Lübeck 1533/34 nebeneinander gestellt:

Wittenberg, 1528b (= Wittenberg, 1523b) Lübeck, 1533/34
"VNde de HERE redede alle desse wort. Jck byn de HERE dyn Godt / de dy vth Egyptenlande vth dem densthuse gevört hebbe. Du schalt nëne ander Göde beneuen my hebben / du schalt dy nën bylde noch wor eyn gelyknisse maken / wedder des dat bauen ym<m> hemmel / noch des dat vnder vp erden / edder des dat ym<m> water vnder der erde ys. Bede se nichtan / vnde dene en nicht / Wente ick de HERE dyn Godt / byn eyn starck yuerer / dede to hus socht der veder myssedath an den kyndern wente in dat drüdde vnde veerde ledt / de my haten / Vnde do barmherticheyt an vël dusent / de my leff hebben vnde myne bade holden."
Exodus XX
"VNde de HERE redede alle desse wort: Jck byn de HERE dyn Godt / de dy vth Egypten lande ghevört hebbe. Du schalt nëne ander Göde beneuen my hebben: Du schalt dy nën bylde / noch yenige gelyknisse maken: noch des dat dar bauen jm hemmel: noch des dar nedden vp erden / edder des dat jm water vnde der erde ys. Bëde se nicht an / vnde dene en nicht: Wenthe yck de HERE dyn Godt / byn eyn starck yuerer / de dar tho hus socht der vëder myssedädt / an denn kindern / beth jn dat drüdde vnde veerde ledt / de my haten. Vnde do barmherticheyt an vël dusent / de my leff hebben / vnde myne bade holden."
Exodus XX
"So höt dy nu / dat du des HEREN dynes Gades nicht vorgetest / dar mede dat du syne bade / vnde syne wysze / vnde rechte / de ick dy hüte bede / nicht holst / vp dat wenn du nu gegheten heffst vnde satt bist / vnde schöne hüse buwest vnde darynne wanest / vnde dyne rinder vnde schape / vnde süluer vnde golt / vnde all wat du heffst / sick vormeret / dat sick denne dyn herte nicht erheue / vnde vorgetest des HEREN dynes Gades / de dy vth Egypten lande gevöret hefft / vth dem densthuse / vnde hefft dy geleydet dorch desse groten vnde vorscrecklyken wöstenye / dar slangen de vür spyeden / vnde scorpien / vnde ydel dörheyt / vnde nën water was / vnde lëth dy water vth den harden velszen ghan / vnde spysede dy myt Man in der wöstenye / van welckem dyne veder nichtes gewust hebben / vp dat he dy demödigede vnde vorsochte / dat he dy dar na wol dede. Du mochtest süs seggen in dynem herten / myne kreffte vnde myner hende stercke hebben my dyth vormocht vthtorichtende / Sünder dat du dechtest an den HEREN dynen Godt / wente he ysset / de dy kreffte gyfft vnde vormögent to dönde / vp dat he vprichte syn vorbunt / dat he dynen vedern geswaren hefft alse ydt geyt hütes dages."
Deuteronomium VIII
"So hött dy nu / dat du des HEREN dynes Gades nicht vorgetest / dar mede / dat du syne gebade / vn<de> syne wyse / vn<de> rechte / de yck dy hüten gebede / nicht hölst / dat wen du nu gegeten heffst / vnde satt byst / vnde schone hüse buwest / vnde darinne wanest / vnde dyne rinder vnde schape / vnde sülver vnde golt / vnde allent wat du heffst / syck vormeret / dat syck denne dyn herte nicht erheue / vnde vorgetest des HEREN dynes Gades / de dy vth Egypten lande geuöret hefft / vth dem densthuse: vnde hefft dy geleydet dorch desse grote vnde vorschrecklyke wöstenye / dar Slangen de vür spyeden / vnde Schorpien / vnde ydel döreheyt / vnd nën water was / vnde leth dy water vth den harden velßen gan / vnde spysede dy mith Man jn der wöstenye: van welckerem dyne vëders nichtes gewust hebben / vp dat he dy demödigede vnde vorsöchte / dat he dy dar na wol dede. Du möchtest süs seggen jn dynem herten: Myne kreffte vnde myne sterckede hebben my dyt vormocht vthtorichtende: Sünder dat du dechtest an den HEREN dynen Godt / wente HE ysset / de dy kreffte gyfft vnde vormögent tho dönde / vp dath he vprichte syn vorbundt / dat he dynen vëdern geswaren hefft / alse ydt gheyt hütes dages."
Deuteronomium VIII

Möglicherweise war der Urheber der Pentateuchübersetzung des Jahres 1523 an den anderen Teilübersetzungen des Bibeltextes, die unter Leitung Johannes Bugenhagens stattfanden, in irgendeiner Art und Weise beteiligt.

Es stellt sich der Eindruck ein, dass die Übertragung der Lutherbibel in das Niederdeutsche anfangs von verschiedenen Übersetzern gleichzeitig begonnen wurde, die unabhängig voneinander und auf eigene Faust handelten. Nachdem Johannes Bugenhagen die Leitung übernommen hatte, erhielt diese ehrgeizige Unternehmung erst eine feste Richtung und den notwendigen sprachlichen und wissenschaftlichen Tiefgang.

 

Die von Johannes Bugenhagen herausgegebene Übertragung des Lutherischen Bibeltextes (1524 - 1533/34)
Offensichtlich genügten die vorangegangenen Übersetzungen nicht den theologischen Maßstäben, die im Kreise Luthers angelegt wurden. In der Vorrede zur Ausgabe Wittenberg, 1525 schreibt Bugenhagen mit wahrscheinlich Blick auf die vorangegangene Ausgabe Wittenberg, 1523a (Smedecken): "... vnde ys nicht alse de erste Vordüdeschynge was, sunders reyn vnde fyn."

In der Vorrede zur Ausgabe Wittenberg, 1541 urteilt er weiter mit Blick auf die vorreformatorischen Bibeln, die auf der lateinischen Vulgata beruhen: "De olde Düdesche Biblia / van vnuorstendigen Lüden / vth dem Latine vordüdeschet / ys yegen desse tho achten Narrewerck / vnd nicht wërdt / dat se Düdesch heten schal."

Der oder die Übersetzer
Es ist sicher, dass die Übersetzung nicht von Bugenhagen selbst angefertigt worden ist. An schwierigen Stellen allerdings hat er dem Übersetzer oder den Übersetzern beratend zur Seite gestanden. In der Vorrede der 1525 erschienenen niederdeutschen Übersetzung des Neuen Testamentes (Wittenberg, 1525) schreibt Bugenhagen über seine Rolle:

"Wo wol överst, dat desse arbeyt ys vullenbracht dorch eynen anderen, doch hebbe ick gehandelt vnde radt gegeuen in allen örden vnde steden da ydt swer was in vnse düdesch tho bringende." Bugenhagen wird das Werk also redigiert und herausgegeben haben.

Leider kennen wir die Person des eigentlichen Übersetzers oder der Übersetzer nicht. Einen möglichen Hinweis verdanken wir Diederich von Stade: "Man hält insgemein dafür, daß die deutsche Bibel Lutheri von D. Joh. Bugenhagen, Pomerano, ins Nieder-Sächsische übersetzt sey: Woher aber solches zu beweisen, habe bisher keine Nachricht finden können: Wol aber, daß es von einigen Studiosis aus hiesiger Gegend, an der Weser bürtig, die bey des seligen Herrn Lutheri Zeiten in Wittenberg gelebet, und vielleicht, unter D. Bugenhagens Direction, geschehen sey." (Erläuter- und Erklärung der vornehmsten deutschen Wörter in Luthers Bibel-Übersetzung S. 17-18). Leider entbehrt diese grundsätzlich ernst zu nehmende Mitteilung des Beweises.

Vermutlich hat man den oder die Übersetzer tatsächlich im Umfeld der Universität Wittenberg zu suchen.

Die frühesten skandinavischen Bibelübersetzungen jedenfalls haben einen Bezug zu Wittenberg und der dortigen Universität:

Man hat sich den oder die niederdeutschen Bibelübersetzer wohl als einen lutherischen Theologen vorzustellen, der sich im Zeitraum von 1523 bis 1533 in Wittenberg aufgehalten hat. Zu denken ist an niederdeutsche Theologen wie Johannes Freder (1507-1562), der im betreffenden Zeitraum in Wittenberg studiert hat und im späteren Leben Lutherschriften in o.a. das Niederdeutsche übersetzt hat. Nur war Freder im fraglichen Zeitraum viel zu jung, um als Übersetzer der Bibel in Frage zu kommen.

Weitere Wittenberger Übersetzungen theologischer Literatur ins Niederdeutsche
Im Briefwechsel Bugenhagens lässt sich kein Hinweis auf den niederdeutschen Übersetzer finden. Ich halte dies für ein Indiz dafür, dass ein niederdeutscher Übersetzer nicht schwer zu finden war, sondern dass im Umfeld der Universität genug geeignete Kandidaten bereit standen. Anders wären auch die zahlreichen niederdeutschen Übersetzungen Wittenberger theologischer Literatur, wie z.B. die niederdeutschen Übersetzungen von Philipp Melanchthons Hauptwerken Loci communes rerum theologicarum und Corpus doctrinae Christianae, überhaupt nicht möglich gewesen.

Die Summarien
Johannes Bugenhagen ist Urheber der Randglossen, kurzer Erläuterungen verschiedener Passagen des Bibeltextes und der Summarien, kurzer Zusammenfassungen. In der Ausgabe Wittenberg, 1541 hat er diese Ergänzungen aus Respekt vor Luthers Werk wieder weitgehend aus dem eigentlichen Text entfernt und dem Bibeltext angehängt, wie er in der Vorrede zu den Summarien darlegt:

"Ock darumme / dat yck de Sassissche Biblia / wedder reyn Luthers makede / Alse denn Doctor Martinus vormanet / dat men em de Hoghdüdessche Biblia reine late. Wente desse Sassissche Biblia / ys szo wol syne / alse de Hoghdüdesche / Vp dat yck mit mynem thosettende / nicht orsake geue einem yewelcken / tho meistern vnd tho tosettende / vnde desse Biblia also tho vorderuende / De mit so groter kunst möye vnde arbeide / vth Gades gnaden gemaket ys / dath nemandt anders negest Gade / einen Namen daruan hebben schal / Sunder se schal hete<n> des Luthers Biblia / Vp dat ock alle leue kinder Gades de nu dath reine Euangelium Christi lëff hebben / weten mögen / wor desse Biblia orsprüncklich herkumpt."

Bugenhagen muss übrigens ein früher Anhänger offener Information gewesen sein. Die freie Nutzung seiner Summarien jedenfalls hat er ausdrücklich erlaubt: "Vp dat se ein yeder mach by de Biblia binden laten / edder süß nha synem geualle / besundergen gebruken."

Die Summarien sind noch Jahrzehnte später zusammen mit der Übersetzung der Summarien Veit Dietrichs nachgedruckt worden (vgl. Magdeburg, 1545c, Wittenberg, 1565, Wittenberg, 1569, Wittenberg, 1574 und Magdeburg, 1578b).

Johannes Bugenhagen Pomeranus
Johannes Bugenhagen, CC BY-SA 4.0
Die Sprache der Übersetzung
Die Sprache der niederdeutschen Bibel ist häufig kritisiert worden: Die niederdeutsche Bibel habe sich zu sehr an den hochdeutschen Text angelehnt und sei darum irgendwie mitverantwortlich für den einsetzenden Sprachwechsel zum Hochdeutschen. - Die Germanistik ist aber glücklicherweise inzwischen zu einem viel ausgewogeneren Urteil gekommen. - Tatsächlich sind der oder die Übersetzer damaligen Gepflogenheiten entsprechend, soweit wie möglich, dem Text der Lutherbibel gefolgt. Wenn das Niederdeutsche dies nicht zuließ, sind sie aber eigene Wege gegangen. Bugenhagen hat diese Übersetzungsmethode 1541 folgendermaßen charakterisiert:

"De hochdüdesche Biblia des Eerwerdigen Doctoris Martini Lutheri, mynes leuen Heren vnd Vaders in Christo, ys in dyt Sassesche düdesch vpt alder vlitigste vthgesettet, vth synem Beuele schyr van worde tho worde, so vele alse ydt de art der reynen sprake hefft lyden mögen." (vgl. Wittenberg, 1541).

Dass es Bugenhagen mit der Eigenheit des Niederdeutschen tatsächlich ernst gewesen sein muss, zeigt der Vergleich der Ausgaben Wittenberg, 1528a (Umdruck von Wittenberg, 1523a) und Wittenberg, 1525: An den Stellen, an denen sich ein hochdeutscher Ausdruck in der Übersetzung Theodoricus Smedeckens findet, bringt der von Johannes Bugenhagen herausgegebene Texte in den meisten Fällen den echt niederdeutschen Ausdruck.

Da die Forschung erst vor wenigen Jahren auf Theodor Smedecken als Übersetzer des Neuen Testamentes nach Luther aufmerksam geworden ist, gehe ich davon aus, dass in der Vergangenheit einige Autoren das Werk Smedeckens für das Bugenhagens gehalten haben.

Zur Illustration seien hier zwei Textstellen in der Ausgabe Wittenberg, 1528a, die den von Smedeken übersetzten Text der Ausgabe Wittenberg, 1523a wörtlich wiedergibt (vgl. Schaub, 1889, S. 44) und wahrscheinlich ein Umdruck dieser Ausgabe ist, und die entsprechenden Textstellen in der von Johan Bugenhagen herausgegebenen Ausgabe Wittenberg, 1525 miteinander verglichen:

Wittenberg, 1528a (= Wittenberg, 1523a) Wittenberg, 1525
"Alle de tho mick seggen / here / here / de werden nicht komen in dat he<m>melryke / sunder / dede don den willen mynes vaders yn deme he<m>mel / an deme dage werde<n> vele to my seggen / here here hebbe wy nicht yn dynem namen wyszsaget? hebbe wy nicht in dynem namen de duuel vth ghedreuen? Hebbe wy nicht in dynem namen vele dade gedan? so werde ick dennen one bekennen / ick hebbe iw noch nemal erkandt / Gy bosen wycketh alle tho male van mick."
Matthäus VII
"Se werden nicht alle / de tho my seggen / Here here / in dat hemmelryke kamen / sünder de den willen don mynes vaders ym hemmel. Vele werden tho my seggen an yennem dage / Here here / hebbe wy nicht in dynem namen gewyssaget? hebbe wy nicht in dynem namen düuel vthgedreuen? hebbe wy nicht in dynem namen vele däeth gedan? Denne werde ick en bekennen / ick hebbe iuw noch nüwerle gekent / wyket alle van my gy öueldeders."
Matthäus VII
"VNde na sös dagen / nam Jhesus tho sick Petrum vnde Jacobum vnde Johannem synen broder / vnde förde se by syden vp einen hoghen barch / vnde vorklarde sick vor öne / vnde syn angesichte glintzede also de sonne / vnde syne kleder wörden with alszo ein licht / vnde sü / don erschein ön Moses vnde Elias / de spreken mith öm / Petrus auer anthwörde / vnde sede tho Jhesu / Here hyr is guth tho syn / wultu / szo wylle wy hyr dre hütten maken / dy eine / Mosi eine vnde Elias eine / Do he nu also sede / sü / do vmmefenck se eine lichte wolke / vnde sü / eine stymmen vth der wolken sprack / Dath is myn leeue son / in welkerm ick ein wolgefallen hebbe / höreth ön. Do dath de iüngeren hörden / vellen se vp öre angesichte / vnde vorschreckeden sere / Jhesus auer tradt tho öne / rörde sze an / vnde sede / stath vp / vnde furchtet iw nicht / Do se auer öre ogen vp slögen / segen se nemande / wenn Jhesum allene."
Matthäus XVII
"VNde na sös dagen / nam Jhesus tho sick Petrum vnde Jacobum vnde Johannem synen broder / vnde vörde se auersyden vp eynen hogen berch / vnde vorklarde sick vor en / vnde syn angesichte blenkerde alse de sünne / vnde syne kleder worden wyt / alse eyn lycht / vnde sü / do erschenen en Moses vnde Elias / de spreken mit eme. Petrus öuerst antwerde vnde sprack tho Jhesu / Here / hyr ys gudt wesent / wultu / so wille wy hyr dre hütten maken / dy eyne / Mosi eyne / vnde Elias eyne. Do he nu also sede / sü / do vmmeuenck se eyne lychte wulke / vnde sü / eyn stemme vth der wulken sprack / Dyth ys myn leue söne an welkerem ick eyn wolgeual hebbe / horket eme. Do dat de yüngern hörden / vellen se vp er angesichte / vnde vorscröcken sër / Jhesus öuerst trat tho en / rörde se an / vn<de> sprack / stät vp / vnde fruchtet iuw nicht / Do se öuerst ere ogen vphöuen / segen se nemande wenn Jhesum allene."
Matthäus XVII

Die Übersetzung des Alten Testaments
In den Erstausgaben der niederdeutschen Übersetzungen des Alten Testamentes, die 1523, 1530 und 1531/32 erschienen, findet sich kein Vorwort Bugenhagens. Die Übersetzung des Pentateuchs erschien 1523, bevor Bugenhagen sich der niederdeutschen Bibelübersetzung angenommen hatte. Der zweite und dritte Teil des Alten Testaments erschienen zwischen 1530 und 1532, als sich Bugenhagen außerhalb Wittenbergs befand und kaum in der Lage gewesen dürfte, sich um die niederdeutsche Bibelübersetzung zu kümmern. - Bugenhagen hielt sich zwischen 1528 und 1532 im Dienste der Reformation in Braunschweig (vgl. Braunschweig, 1528), Hamburg (Hamburg, 1529) und Lübeck (vgl. Lübeck, 1531 und Luther, 1531c) auf.

Erst als während seines Aufenthalts die niederdeutsche Bibel in Lübeck gedruckt wurde, ergab sich für Bugenhagen die Gelegenheit, sich wieder mit der niederdeutschen Bibelübersetzung zu befassen. Diese für die Geschichte der niederdeutschen Bibel besonders wichtige Ausgabe erschien in Lübeck 1533/34 und war die erste vollständige Übertragung der Lutherbibel ins Niederdeutsche überhaupt. Der von Bugenhagen verfassten und auf den Dienstag nach der Osterwoche 1532 datierten ("Schreuen tho Lübecke M. D. XXXij. Des dinstedages na der Pasche weke inn myner affreyse.") Vorrede zur Übersetzung des Alten Testaments ist zu entnehmen, dass er die Randglossen zum Alten Testament verfasst hat. Er wird den Text des Alten Testamentes also wohl mehr oder weniger ganz durchgearbeitet haben.

Erste vollständige Lutherbibel
Die niederdeutsche Ausgabe Lübeck 1533/34 erschien noch vor der ersten hochdeutschen vollständigen Lutherbibel (Wittenberg 1534, Bd. 1 und Bd. 2).

In Niederdeutschland muss man sich dieser Tatsache durchaus bewusst gewesen sein. Noch 1652 schrieb Johann Lauremberg in seinen satirischen Scherzgedichten:

"Doch möge gy weten und gelöven gewis,"
"Dat mennig staetlick Boeck geschreven is"
"Jn unse Nedderdüdsche Tungemalen,"
"Daruth men kan Verstand und Wyßheit halen,"
"Jn beide Testament, dat Olde und dat Nie,"
"Dat hilge Gades Wort, gelövet idt my frie,"
"Js erstlyck verdolmetschet und gedrücket"
"Jn Neddersachsisch, und also gesmücket,"
"Jn eigentliker Mening und Verstande,"
"Ehr idt is uth gegahn in hochdüdischem Lande."

(Lauremberg 1652, S. 82 - 83.)

Autorisierte Übersetzung
Der Vorrede lässt sich außerdem entnehmen, dass Luther im Bilde war und die von Bugenhagen herausgegebene Übertragung seiner Bibelübersetzung ins Niederdeutsche billigte: "De uthleggynge Doctoris Martini Luthers mynes leuen heren unde vaders jn Christo / ys jn dyth Sassesche düdesch uth dem höchdüdeschen vlitich uthgesettet uth synem beuele... uth wetende unde willen des sülvigen Doctoris Martini." Mit anderen Worten: Der von Bugenhagen herausgegebene niederdeutsche Bibeltext ist die von Luther autorisierte Übersetzung.

Moderne Schriftsprache
Das für den des Niederdeutschen kundigen Leser Reizvolle der Übertragung der lutherschen Bibelübersetzung liegt darin, dass man diesen Text lesen kann, ohne über spezielle Kenntnisse verfügen zu müssen. Die Kölner Bibel, die Lübecker Bibel und die Halberstädter Bibel waren, obwohl nur wenige Jahre älter, noch viel mehr typisch mittelniederdeutschen Formen verhaftet. Ähnlich wie Luther haben sich vermutlich auch die Übersetzer der niederdeutschen Bibel von der damals gesprochenen Sprache inspirieren lassen. Dass man dabei den richtigen Ton getroffen hat, zeigt die große Zahl der Neuauflagen, die die niederdeutsche Bibel bis zum Untergang des niederdeutschen Buchdrucks im Dreißigjährigen Krieg erfuhr.

Luthers Urheberrechtsvorbehalt in niederdeutscher Sprache
Luthers berühmter Urheberrechtsvorbehalt in niederdeutscher Sprache.
Luther fürchtete, man könnte seine Übersetzung verfälschen.
(Lübeck, 1533/34, CC BY-NC-SA 4.)

 

Die niederdeutsche Übersetzung von Emsers Korrekturbibel (1530)
Luthers Befürchtungen waren nicht unbegründet. Als Reaktion und Gegenwehr auf die Bibelübersetzung Luthers begann eine Reihe von Theologen, die Luthers theologische Auffassungen ganz und gar nicht teilten, ihrerseits deutsche Bibelausgaben zu veröffentlichen. Das Verfahren bestand hauptsächlich darin, sich auf das, was man für die Korrektur der Auffassungen Luthers hielt, zu beschränken und ansonsten die Übersetzung Luthers in der Substanz zu übernehmen. Man spricht von Korrekturbibeln.

Aus Luthers Sicht stellte sich diese Methode bezüglich der 1527 von Hieronymus Emser in hochdeutscher Sprache veröffentlichten Ausgabe des Neuen Testaments folgendermaßen dar:

Verbot der niederdeutschen Übersetzung (1529)
1530 erschien eine niederdeutsche Übersetzung dieser Korrekturbibel (Rostock, 1530), die von den Brüdern vom gemeinsamen Leben in Rostock gedruckt war.

Luther hat mit teilweisem Erfolg versucht, das Erscheinen der niederdeutschen Übersetzung von Emsers Ausgabe zu verhindern, indem er den evangelisch gesonnenen mecklenburgischen Herzog Heinrich V. hiervon brieflich in Kenntnis setzte: "Denn wie von redlichen leuten aus Lübeck statlich bericht, das ettlich Lolbruder des [E]msers testament sechsischer sprache1 zu Rostock ynn druck geben. Daraus sie sorgen, das mergklicher schade den fruomen seelen begegen mocht, (...) Bitte ich auch untertheniglich, Euer furstlich gnaden wollen dem Evangelio Christi zu ehren und allen seelen zur rettung (wo es moglich ist) solchen druck nicht gestatten." (vgl. Brief Martin Luthers vom 27. November 1529 und Lisch, 1839, S. 23).

Die Offenbarung des Johannes fehlt in der Ausgabe Rostock, 1530. Vermutlich ist der Druck nach Erlass des herzoglichen Verbots abgebrochen worden.

Die Selbstständigkeit der niederdeutschen Übersetzung
Ein Vergleich zwischen der Ausgabe Wittenberg, 1525 und der Ausgabe Rostock, 1530 zeigt, dass die Brüder vom gemeinsamen Leben mitunter durchaus um einen eigenständigen niederdeutschen Text bemüht waren:

Wittenberg 1525 (Luther/Bugenhagen) Rostock 1530 (Emser/Brüder vom gemeinsamen Leben)
He öuerst Johannes hadde eyn klëdt van Kameels haren / vnde eyn ledern gördel vmme syne lenden / syne spyse was / howsprincken vnde wylt honnych. Do gynck tho em henvth de stadt Jerusalem / vnde dat gantze Jödesche landt / vnde alle lande an dem Jordane / vnde leten sick döpen van em / ym Jordane / vnde bekenden ere sünde.
Alse he nu vele Phariseyer vnde Saduceyer sach tho syner döpe kamende / sprack he tho en / gy addern geslechte / wol hefft iuw denn so gewyß gemaket dat gy dem tho kümstigen torne entlopen werde<n>.
(Matthäus III)
Joannes öuerst hadde eyn klëdt van Lameles hares / vnde eynen remen van eynem velle vm<m>e syne lenden. Syne spyse was höwspryngel vnde wylt honnich.
Do gynck to em hen vth de Stadt Hierusalem / vn<de> dat gantze Jödessche lant / vn<de> alle jegende an der Jordane / vn<de> worden gedofft van em<m> jn der Jordanen / vnde bokanden ëre sünde [...]
Alse he nu vële Phariseer vnde Saduceer sach to synder döpe kamen / sprack he to en. Gy Adderen geslechte / wol hefft jw wys gemaket / to entlopende dem tokomstigen torn?
(Matthäus III)

An den meisten Stellen scheint jedoch der Text der von Bugenhagen herausgegebenen niederdeutschen Übersetzung von Luthers Neuem Testament erkennbar durch.

Wittenberg 1525 (Luther/Bugenhagen) Rostock 1530 (Emser/Brüder vom gemeinsamen Leben)
DO wart Jhesus vam geyste in de wöstenye gevört / vp dat he van dem düuel vorsocht worde / vnde do he veertich dage vnde veertich nacht geuastet hadde / hungerde eme / vnde de vorsöker trat tho em / vnde sprack/ Bistu Gades söne / so sprick dat desse stene brodt werden / Vnde he antwerde vnde sprack / Dar steyt gescreuen. De mynsche wert nicht van dem brode allene leuen / ßünder van eynem yttlyken worde / dat dorch de mundt Gades gheyt.
(Matthäus IV)
DO wart Jesus geförth jn de wöstenie / van dem geiste vp dat he van de<m> düuel vorsocht worde / vn<de> do he vërtich dage vnd vörtich nacht gefastet hadde / dar na hungerde em<m>. Vnde de vorsöker tradt to em vnde sprack. Bistu Gades söne so spreck dat dösse stëne brot werden / vnde he antworde vnde sprack. Dar steyt geschreue<n> / nicht allene jn dem brode leuet de mynsche / sünder van eynem ytliken worde / dat d a vthgeit va<n> dem munde Gades
(Matthäus IV)

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man annimmt, dass den Brüdern vom gemeinsamen Leben auch eine Ausgabe des von Bugenhagen herausgegebenen niederdeutschen Bibeltextes vorgelegen hat und dass auch die niederdeutsche Übersetzung letztendlich ein Plagiat ist.

Bereits 1529 hatten die Brüder vom gemeinsamen Leben eine niederdeutsche Übersetzung einer Streitschrift von Johannes Cochlaeus, Emsers Nachfolger als Hofkaplan Georgs von Sachsen, veröffentlicht (Cochlaeus, 1529).

Die erhaltenen Fragmente der Ausgabe Rostock, 1530
Im 19. Jh. wusste man nur noch aufgrund der Erwähnung in Reimmanns bibliographischem Werk Catalogus bibliothecae theologicae systematico-criticus (1731) von der Ausgabe Rostock, 1530, bis im Jahre 1878 der Fund von 36 Doppelblättern (vgl. Hofmeister, 1878) zu Rostock und einige Monate später der Fund eines beinahe vollständig erhaltenen Exemplars in Stuttgart (vgl. Schott, 1878) bekannt wurde.

Die in Rostock aufgefundenen Fragmente sind nicht zu einem Buche gebunden, sondern gleich neu gedruckt als Füllmaterial für den Buchdeckel eines anderen Werkes verwendet worden. 1884 wurde der Fund weiterer Fragmente in Estland oder Lettland (vgl. Schlüter, 1884a und Schlüter, 1884b) bekannt, die ebenfalls als Füllmaterial in einem Buchdeckel gedient hatten.

Offensichtlich sind die Fragmente nach Erlass des herzoglichen Druckverbotes als Makulatur für das Füllen von Buchdeckeln verwendet worden. Vermutlich wurden einige wenige Exemplare von den Brüdern vom gemeinsamen Leben zum eigenen Gebrauch gebunden. Wie eines dieser Exemplare nach Stuttgart gelangt ist, entzieht sich unserer Kenntnis.

 

 

Die niederdeutsche Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus (1548/49)
Eine eigenständige Entwicklung stellt die niederdeutsche Psalmenübersetzung des aus Westfalen stammenden niedersächsischen Reformators Antonius Corvinus (Hannover, 1549) dar. Die Vorrede zur Psalmenübersetzung ist auf den Dezember 1548 datiert.

Man darf in dieser Übertragung nicht den Beginn eines konkurrierenden niederdeutschen Bibeltextes sehen, vielmehr ging es Corvinus einzig und allein darum, die lateinische Paraphrase (freie Übersetzung) der Psalmen durch Johann von Campen den Bewohnern der sächsischen (niederdeutschen) Lande zugänglich zu machen, wie er in der Vorrede zur niederdeutschen Psalmenübersetzung darlegt. Corvinus bemerkt in der Vorrede, dass die Paraphrase mehr zum Verständnis der Psalmen beitrage, als viele Kommentare und Glossen. Die lateinische Paraphrase durch Johann von Campen beruht auf dem hebräischen Urtext, während die von Johannes Bugenhagen herausgegebene Bibelübersetzung an den Stellen, an denen Luthers hochdeutsche Übersetzung nicht hinreicht, auf den griechischen Urtext zurückgreift.

Folgende Umstände dürften Corvinus veranlasst haben, diese Übersetzung auf sich zu nehmen:

Antonius Corvinus (1501-1553)
Antonius Corvinus (1501-1553)
Die Sprache der Psalmenübersetzung
In der Vorrede schreibt Corvinus, dass er das Niederdeutsche 24 Jahre lang in Wort und Schrift arg vernachlässigt habe. Das mag übertrieben sein. Die niederdeutschen, mit seinem Namen verbundenen Werke Corvinus 1537, Corvinus 1538a, Corvinus 1538b, Corvinus 1539, Braunschweig-Calenberg, 1543, Braunschweig-Wolfenbüttel, 1543, Braunschweig-Calenberg, 1544, Hildesheim, 1544 sind aber auf jeden Fall Übersetzungen Dritter bzw. von anderen verfasst. Die mit Ostfalismen durchsetzte Sprache dieser Veröffentlichungen bestätigt das. Die Ostfalismen fehlen nämlich ganz und gar in der von Corvinus verfassten Psalmenübersetzung.

Corvinus schreibt in der Vorrede: "Yfft ick dem Vordüdeschen nicht allenthaluen genoch gedan / dat gy solckes nicht myner vnwetenheit / sunder veel mehr dem gebreken tho schriuen willen / dat ick de Sassische sprake yn 24. Jahren / wedder ym reden noch ym schriuen gebruket hebbe. Süss hedde ick yo / wenn ick vth dem bruke nicht kamen were / alse ein de ym Stiffte Padelborn tho Warberch gebaren / egentliker de wörde geuen können / welckeres my nu de angetagen tidt seer benamen hefft. So wethe gy dennoch ock / dat desülue Sassische sprake / nicht aller dinge allenthaluen öuer ein kümpt / vnde dat etlike wörde anders yn den Seesteden / anders yn düssen Brunswikeschen Landen / anders yn Westfalen etc. Gebruket vnde vthgeredet werden."

Die heutige dialektale Unterteilung des Niederdeutschen in Nordniedersächsisch, Ostfälisch und Westfälisch muss sich also bereits im 16. Jh. abgezeichnet haben2. Man könnte nun meinen, Corvinus hätte westfälische Mundart geschrieben. Dem ist nicht so. Wenn überhaupt Westfalismen in der von Corvinus verfassten Psalmenübersetzung vorkommen sollten, müssen diese sehr dünn gesät sein.

Die Stellung der Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus
Soweit ich weiß, ist nicht erforscht worden, ob und inwieweit die Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus von der niederdeutschen Bibel beeinflusst worden ist und ob die Psalmenübersetzung des Corvinus ihrerseits wieder auf den Text der niederdeutschen Bibel eingewirkt hat. Ich halte das für unwahrscheinlich.

Die Psalmenübersetzung des Antonius Corvinus scheint eine ganz eigenständige Übertragung zu sein, die letztlich auf den hebräischen Urtext zurückgeht.

 

 

Wappen der Herzöge von Pommern
Wappen der Herzöge von Pommern
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Die Barther Bibel (1586/88)

Die Barther Bibel (1586/88) trägt ihren Namen nach der Fürstlichen Druckerei zu Barth (Siehe auch Oelrichs, 1756.), wo sie im Auftrage Herzogs Bogislaw XIII. von Pommern-Wolgast in den 1580er Jahren gedruckt wurde. Sie ist wahrscheinlich die einzige niederdeutsche Bibel, deren Druck von einem Fürsten veranlasst und finanziert wurde. Der Druck dieser Bibel zog sich über Jahre hin. Das Titelblatt der Propheten zeigt die Jahreszahl 1586, während die Titelblätter des Neuen Testamentes das Jahr 1588 vermelden. Laut Kolophon wurde der Druck im August 1588 vollendet.

Das Projekt ging wohl über den Neudruck einer niederdeutschen Bibel weit hinaus. In der Vorrede erläutert der aus Apenrade stammende Drucker Hans Witte, der an dieser Stelle als Herausgeber auftritt, dass dem vorliegenden Text die Ausgabe Wittenberg, 1545 zugrunde liege, Druckfehler und Auslassungen aber anhand verschiedener anderer Bibelausgaben, hauptsächlich anhand der Ausgabe Wittenberg, 1561 korrigiert worden seien. Auch sei die Chronologie der Ausgabe Wittenberg, 1561 im vorliegenden Druck übernommen worden.

Ernst Christian Georg Köhler legt in seiner 1750 erschienenen Dissertation den Schluss nahe, dass der Text der Ausgabe Barth, 1588 an einigen Stellen signifikant von dem der Ausgabe Wittenberg, 1545 abweicht. Da aber die Ausgaben Wittenberg, 1545 und Wittenberg, 1561 noch nicht digitalisiert wurden, lässt sich diese Frage im Augenblick nicht beantworten. Das einzige Digitalisat der Barther Bibel, das im Augenblick verfügbar ist, ist ein unvollständiges Exemplar, das an einigen Stellen mit Seiten aus anderen Exemplaren teilweise ergänzt wurde.

 

David Wolders Neuausgabe des niederdeutschen Bibeltextes (1596)
Vermutlich wurde der Text der niederdeutschen Bibel gegen Ende des 16. Jhs. als veraltet erfahren. Jedenfalls sah der Hamburger Theologe David Wolder sich genötigt, den Text neu herauszugeben. Im Vorwort zur Hamburger Ausgabe der niederdeutschen Bibel von 1596 beklagt Wolder, dass die sächsische Bibel in Verfall geraten sei und fährt fort:

"Wat ick nu daranne dörch Gades gnedige hülpe mit grotem arbeyde mach praesteret vnde vthgerichtet hebben / dat wil ick mynen leven Sassen / in einem sünderliken bokeschen hyrby tho erkennende geven. In der körte averst darvan tho redende / so hebbe ick in alle mynem arbeyde / dat ick disser Bibel halven gehadt / darhenne gesehen: Dat se Doctor Luthers Bibel nicht allene heten / sünder ock syn vnde blyven mochte: vnde / Dat wy de rechte purreyne Sassische sprake / mit der Misnischen / edder Oldtfrenkischen / vnde Vkerwendischen Sprake [Kauderwelsch] vnvormengt darinne müchten hebben vnde lesen. Hyr mut sick de Leser averst ock na richten. Wente falt wor an einem orde in disser Bibel wat vör / dat anders ludt / alse thovörn / de vorhaste sick im richtende nicht / wil he anders recht van der sake richten vnde ordelen / sünder see jnt erste vp den Misnischen text / wo ydt darinne ludt / vnde darna up de rechte Sassische sprake / wat ere rechte art yss. Wen ein Leser disse vörsichticheyt gebruket / kan he sick so vehle beter in alle sake schicken / vnd sick vörsehen / dat he nicht lichtliken einen archwan vnde vordacht vp disse Bibel fate."

Die Forschung schätzt Wolders Eingriffe in den von Bugenhagen herausgegebenen Text allerdings als eher geringfügig ein. Goeze (1717-1786) äußert sich zum Wolderschen Text folgendermaßen: "Ich habe mich die Mühe nicht verdriessen lassen, diese Ausgabe [Hamburg, 1596] mit der Lufftischen von 1574. in vielen Stellen zu vergleichen, aber nichts gefunden, das entweder der Klagen, welche Wolder über die vorhergehenden Ausgabe ausschüttet, oder des grossen Ruhms, den er sich selbst wegen der Verbesserung des Textes beygeleget hat, würdig wäre. Es sind lauter wenig bedeutende Kleinigkeiten, welche ich in Wolders Ausgabe anders finde, und es ist die Frage, ob diejeningen Wörter, welche er verändert hat, nicht vorher besser und ächter niedersächsisch gewesen, als sie solches durch seine Veränderung geworden sind." (Versuch einer Historie der gedruckten niedersächsischen Bibeln vom Jahr 1470 bis 1621 S. 379.)

Wolder scheint dennoch den Bibeltext in mehrfacher Hinsicht zugänglicher gemacht zu haben:

Die moderne Forschung hat den Aspekt der veränderten Rechtschreibung der Wolderschen Ausgabe weitgehend ausgeblendet.

Der Gelehrte Diederich von Stade (1637-1718) sah die Sache klarer. Auf Seite 22-23 von Erläuter- und Erklärung der vornehmsten deutschen Wörter in Luthers Bibel-Übersetzung bemerkt er bezüglich der von Wolder herausgegebenen Bibel: "Daß im Textu und den Wörtern selbst etwas darin geändert / habe nicht sonderlich / als etwa in der Orthographie, finden können. Der Ohrt I. Joh. III.7. so in unsern Bibeln nun stehet / ist bey sel. Herrn Lutheri Lebzeiten in seiner deutschen Bibel nicht zu lesen gewesen / weil er denselben in seinem Exemplar, so er vor sich gehabt / und in einigen andern / nicht gefunden / also auch nicht in der alten Nieder-Sächsischen Bibel. Darum aber ist die Bibel Wolderi zum Gebrauche / so wol im Nachschlagen / als wegen der locorum parallelorum, oder gleichstimmigen Oerter / vorzuziehen / daß sie auch mit abgetheilten Versiculis gedruckt ist. Das Büchlein / dessen Wolderus dabey erwehnet / habe bis hierher nicht erlangen können / woraus vermuhtlich mit mehrerm zu ersehen seyn dürffte / was an Verbesserung des Textes selbsten geschehen. "

Jäncke (1702-1750) und Oelrichs (1722-1799) kommen zu folgendem Urteil: "Diese Edition [Hamburg, 1596], welche von denen vorigen in vielen Stücken abgehet, hat man dem gelehrten David Woldero, Predigern zu Hamburg zu dancken, welcher die gantze Bibel durchgegangen, die Schreib- und Redens-Arten, nach der damahligen Zeit verändert, die Verse ordentlich abgetheilet, und die Summarien über alle Capitel gesetzet hat, wie Er solches in der Vorrede selbst meldet. Es ist aber nicht zu leugnen, daß Er öffters ohne Noth die alte Version Bugenhagii geändert, und den Glantz der Nieder-Sächsischen Sprache verdunckelt, um denen Ausdrückungen der hoch-deutschen Bibel näher zukommen." (Johann Davids Jänckens ausführliche und mit Urkunden versehene Lebens-Geschichte des vortrefflichen Kirchenlehrers D. Johann Bugenhagens, sonst auch D. Pommer genannt S. 146).

Zur Illustration der Entwicklung des niederdeutschen Bibeltextes von der ursprünglichen Ausgabe bis zu der der Wolderschen Textfassung stelle ich eine Textstelle in der Lübecker Ausgabe von 1533/1534 derselben Textstelle in der auf der Wolderschen Textfassung beruhenden Wittenberger Ausgabe von 1599/1600 gegenüber. Es ist zu ersehen, dass Wolders Eingriffe in den Wortlaut des Textes relativ unbedeutend sind, während die Schreibweise hingegen systematisch geändert worden ist:

Lübeck 1533/34 Wittenberg 1599/1600
Unde yck sach, dat ydt dat söste Segel updede, und sü, do wart eine grote erdtbevinge, unde de sünne warth swart, alse ein haren sack, und de Män wart alse blött, unde de sterne des hemmels vellen upp de erde, gelick alse ein vigenböm syne vigen affwerpet, wen he vam groten winde bewagen wert: unde de hemmel entwëck alse ein thogerullet böck, unde alle berge unde Insulen worden bewagen uth eren steden: unde de köninge up erden, unde de översten, unde de riken, unde de hövetlüde, unde de weldigen, unde alle knechte, unde alle frie, vorbergeden sick in den klüfften, unde velsen an den bergen. Und spreken tho den bergen und velsen. Vallet up uns und vorberget uns vor dem angesichte des, de upp dem stole sitt, und vor dem torne des lammes: wente de grote dach synes tornes ys gekamen, unde wol kan bestan.
De Apenaringe Johannis VI
Unde ick sach, dat ydt dat söste Sëgel updede. Unde süe, do wordt eine grote erdbëvinge, unde de Sünne wordt swart, alse ein haren sack, unde de maen wordt alse blodt, Unde de Sternen des Hemmels villen up de Erde, gelick alse ein vygenboem syne vygen affwerpet, wen he vam groten winde bewagen wert. Unde de Hemmel entweeck, alse ein thogerullet boeck, unde alle berge unde insulen wörden bewagen, uth eren örden, Unde de Köninge up erden, unde de aversten, unde de ryken, unde de Hövetlüde, unde de weldigen, unde alle knechte, unde alle fryen, vorbergeden sick in den klüfften unde velsen, an den bergen. Unde spreken tho den bergen unde velsen: Vallet up uns, unde vorberget uns vör dem angesichte, des, de up dem stole sitt, unde vör dem torne des Lammes. Wente de grote dach synes tornes ys gekamen, unde wol kan bestahn?
De Apenbaringe S. Johannis VI, 12-17
De endige handt wert herschen, De averst träch ys, de wert tyns möthen geven. Sorge im herten, krencket, averst ein fründlick wort vorfrowet. De rechtverdige hefft ydt beter, den syn negeste, Averst der Godtlosen wech vorvöret se. Eynem unendigen geret syn handel nicht, Averst ein endich minsche, wert ryke. Up dem wege der gerechtigheit, ys dath lëvent. Unde up dem gebänten styge, ys nën dödt.
Proverbia XII
De vlitige Handt wert Herrschen, de överst trach ys, de wert tins möthen gëven. Sorge im herten krencket, överst ein fründlick wordt vorfröwet. De rechtverdige hefft ydt bëter alse syn negeste, överst der Godtlosen Wech vorvöret se. Einem vorsümliken geredt syn handel nicht, överst ein vlitich Minske wert ryke. Up dem rechten Wëge ys dat lëvendt, unde up dem gebanden styge ys neen dodt.
Proverbia. De Spröke Salomonis XII, 24-28

In der Wolderschen Textfassung stechen folgende Verbesserungen der Schreibweise gegenüber der der ursprünglichen Ausgabe ins Auge:

Dass Wolder mit seiner Neuausgabe des Bugenhagenschen Textes ein echtes Bedürfnis befriedigt hat, lässt sich daran ersehen, dass verschiedene niederdeutsche Bibelausgaben nach 1596 auf der Wolderschen Textfassung basieren (vgl. Versuch einer Historie der gedruckten niedersächsischen Bibeln S. 380), wie z.B. Wittenberg 1599/1600. Die Bibel von 1596 und die ihr folgenden Ausgaben tragen den Titel "Biblia. Dat ys de gantze hillige Schrifft Sassisch." Auf den Titelblättern der älteren Ausgaben findet sich das Wort "Sassisch" nur sehr selten. Meistens wird das Wort "Düdesch" gebraucht.

Weitere niederdeutsche Werke David Wolders sind eine Übersetzung der Christlichen Zeitvertreibers von Michael Sachs (Sachs, 1597a und Sachs, 1597b bzw. Sachs 1605a und Sachs 1605b), eines seinerzeit weit verbreiteten Werkes, mit dem auf unterhaltsame Art Bibelkenntnisse abgefragt wurden, eine Übersetzung von Oeconomia oder Bericht vom christlichen Hauswesen von Johann Mathesius (Mathesius, 1596) sowie zwei Kirchenlieder (Wolder, 1590 bzw. Wolder, 1612). Wolders wissenschaftliches Hauptwerk ist eine in vier Spalten gedruckte Bibelausgabe, die Biblia quadrilinguia, die den griechischen Text der Septuaginta, die lateinische Vulgata, die lateinische Übersetzung von Pagnini bzw. die von Beza und die deutsche Übersetzung Martin Luthers enthält.

Man hat sich David Wolder wohl einerseits als Theologen vorzustellen, der keine Mühen scheute, um die Bibel den Menschen nahezubringen, andererseits muss er aber auch ein sächsischer Patriot gewesen sein, der seiner Muttersprache zu ihrem Recht verhelfen wollte. Das kleine Buch, das Wolder in obigem Zitat in Aussicht stellt und in dem er seine Neuausgabe des niederdeutschen Bibeltextes näher erläutern wollte, ist wohl nicht mehr erschienen. David Wolder starb 1604 an der Pest.

 

Die Wirkung der niederdeutschen Bibelübersetzungen

Niederdeutsche Sprache der Reformation
Der von Bugenhagen herausgegebene niederdeutsche Text der Lutherbibel und dessen spätere Neuausgabe durch Wolder erreichten im Gefolge der Reformation breite Bevölkerungsschichten in ganz Niederdeutschland. Noch heute gibt es fast überall in den protestantischen Teilen des niederdeutschen Raumes Exemplare der niederdeutschen Bibel. Außerdem finden sich an vielen alten Fachwerkhäusern in Niederdeutschland Zitate aus der niederdeutschen Bibel. Besonders bemerkenswert sind die niederdeutschen Bibelsprüche im Gewölbe der Kirche St. Nikolai in Lemgo. (Siehe auch die 1586 in Lemgo erschienene Psalmenausgabe.)

Man darf Bugenhagen mit Fug und Recht als Reformator Niederdeutschlands (und Skandinaviens) bezeichnen. Eine Reihe von Kirchenordnungen, durch die die Reformation in niederdeutschen Territorien eingeführt wurde, geht auf Johannes Bugenhagen zurück: Braunschweig (1528), Hamburg (1529), Lübeck (1531), Pommern (1535), Schleswig-Holstein (1542), Braunschweig-Wolfenbüttel (1543) und Hildesheim (1544). Außerdem war Bugenhagen an der Entstehung der Kirchenordnung von Dänemark und Norwegen (1537) beteiligt. Mancherorts in Niederdeutschland stellte man gar keine eigene Kirchenordnung auf, sondern übernahm Bugenhagens Braunschweiger Kirchenordnung, die als mustergültig galt. Ein Beispiel solch einer Kirchenordnung ist die Göttinger Kirchenordnung (1531).

Eine niederdeutsche Schriftsprache
Bugenhagen und seine Mitarbeiter haben eine Schriftsprache geschaffen, die imstande war, die verschiedenen regionalen Spielarten des Niederdeutschen zu überdachen. Diese sprachliche Leistung ist durchaus mit der Luthers zu vergleichen. Ohne den Schreibsprachenwechsel zum Hochdeutschen würde heute in Niederdeutschland eine Sprache geschrieben, vielleicht auch gesprochen, die sich aus der Sprache der niederdeutschen Bibel entwickelt hätte. Aufgrund ihrer relativ geringen Verbreitung und ihres beschränkten Gebrauchs haben weder die Übersetzungen des Jahres 1523, noch die drei vorreformatorischen Bibeln die Entwicklung des Niederdeutschen beeinflusst. Die Bedeutung dieser Übersetzungen liegt darin, dass sie Zeugnisse einer frühen Phase der Übersetzungsgeschichte der Bibel sind.

 

Auswirkungen auf Skandinavien

Druckermarke des Ludowich Dietz
Druckermarke von Ludowich Dietz
(Rostock, 1549, CC BY-NC-SA 3.0)
Die erste niederdeutsche Vollbibel (Lübeck, 1533/34) und die erste dänische Vollbibel (Kopenhagen, 1550)
Die erste niederdeutsche Vollbibel (Lübeck, 1533/34) muss in Dänemark nachhaltigen Eindruck gemacht haben. Die erste dänische Vollbibel (Kopenhagen, 1550) stimmt jedenfalls im Titelblatt, den Holzschnitten und der Verteilung der Holzschnitte mit der Ausgabe Lübeck, 1533/34 genau überein.

Der Druck der Ausgabe Kopenhagen, 1550 wurde von Ludowich Dietz besorgt, der bereits die Ausgabe Lübeck, 1533/34 gedruckt hatte und den man zum Zwecke des Drucks der ersten dänischen Vollbibel eigens von Rostock nach Kopenhagen hatte kommen lassen. Im Nachwort zur Ausgabe Rostock 1548/53 erläutert Dietz, dass der bereits 1548 begonnene Druck dieser Ausgabe erst 1553 habe fertiggestellt werden können, da er zwischenzeitlich zum Druck der dänischen Bibel nach Kopenhagen gerufen worden sei, von der auch dreitausend Exemplare gedruckt worden seien. Er selbst sei dafür ehrlich vom König belohnt worden und habe einen gnädigen Abschied erhalten.

Christian III. muss sein Reich, zum dem auch das heute schwedische Schonen und Norwegen gehörten, als ein zweisprachiges Reich gesehen haben. In jeder Kirche seines im Glauben geeinten Reiches sollte dasselbe Buch auf dem Altar liegen, entweder in dänischer oder in niederdeutscher Sprache.

Schleswig
Bereits 1537 war die Kirchenordnung Ordinatio ecclesiastica regnorum Daniae et Norwegiae et ducatuum Sleswicensis Holtsatiae etcet für den dänischen Gesamtstaat erschienen, die im Auftrage Christians III. verfasst und der Universität Wittenberg zur Begutachtung vorgelegt worden war. Johan Bugenhagen erscheint nicht unter den Unterzeichnern dieser Kirchenordnung, es findet sich jedoch seine Schrift "Ordinatio ceremoniarum pro canonicis et monasteriis" ("Eyne Godtfrüchtige / vnde Recht Christlike / ock der Olden Kercken / gelickmetige Ordeninge / der Ceremonien / vor Domheren vnde Clöster") im Anhang.

Außerdem erschien 1538 eine lateinische Übersetzung (Roskilde, 1538) von Melanchthons Vnterricht der Visitatorn an die Pfarhern ym Kurfürstenthum zu Sachsen, die Bugenhagen mit Blick auf die Kirchenvisitation in Dänemark angefertigt hatte (niederdeutsche Übersetzung: Kursachsen, 1528).

Die Kirchenordnung wurde 1539 in dänischer Sprache unter dem Titel Den rette ordinants vom dänischen Reichsrat zum Gesetz erhoben. In Schleswig-Holstein wurde die Kirchenordnung 1542 in modifizierter Form unter dem Titel Christlyke Kercken Ordeninge / De yn<n> den Fürstendömen / Schleßwig / Holsten etc. schal geholden werdenn auf dem Landtag zu Rendsburg angenommen, nachdem Bugenhagen erneut ins dänische Reich berufen worden war und den lateinischen Text der Kirchenordnung ins Niederdeutsche übersetzt und den Umständen in Schleswig-Holstein angepasst hatte.

Während seines ersten Aufenthalts in Dänemark (1537-1539) hatte Bugenhagen Christian III. zum König gekrönt und die in Verfall geratene Kopenhagener Universität wieder instand setzen lassen, deren Rektor er eine Zeitlang war. Das Amt des Bischofs von Schleswig, das Bugenhagen während seines zweiten Aufenthalts im dänischen Reich angetragen worden war, hat er nicht angenommen. Bugenhagen erklärte, er habe nicht mitgeholfen, die katholischen Bischöfe zu verjagen, um sich deren Ämter anzueignen. 1529 war Bugenhagen bereits kurzzeitig im dänischen Reich gewesen, um am Flensburger Colloquium, das am 8. und am 9. April desselben Jahres stattfand, teilzunehmen, auf dem die Lehre des Wiedertäufers Melchior Hoffmann verdammt und dieser des Landes verwiesen wurde (vgl. Bugenhagen, 1529b).

Bis zur Reformation war Latein die Sprache des Gottesdienstes gewesen. Evangelischer Lehre gemäß sollte der Gottesdienst nun in der Sprache des Volkes stattfinden. In Schleswig, wo niederdeutsche, nordfriesische und dänische Sprache einander berühren und durchdringen, stellte sich die Frage, welche Volkssprache das nun sein sollte. Noch zu Lebzeiten Christians III. bildete sich eine Grenze niederdeutscher und dänischer Kirchen- und somit auch Schulsprache in Schleswig heraus, die im 19. Jh. zu einer Grenze nationaler Gesinnung werden sollte. Dass die heutige Staatsgrenze mit der alten Grenze der Kirchensprache weitgehend übereinstimmt, ist daher auch kein Zufall. Zweifellos hat Christian III. sich das Zusammenleben der Völker seines Reiches ganz anders vorgestellt, als die Nationalisten des 19. Jhs.

Titelblatt der Ausgabe Luebeck 1533/34
Titelblatt der Ausgabe Lübeck, 1533/34
Titelblatt der Ausgabe Kopenhagen 1550
Titelblatt der Ausgabe Kopenhagen, 1550

 

Dänisch und Isländisch
Der Kirchenordnung für den dänischen Gesamtstaat entsprechend sollte die von Johannes Bugenhagen (ursprünglich auf Latein) verfasste Passionsharmonie Historia des lidendes unde der Upstandinge unses Heren Jesu Christi am Samstag vor Ostern vorgelesen werden ("Sexta feria post palmaru<m> ... ascendat praedicator <et> ex ordine totam passionem praelegat / <con>scripta<m> <et> collecta<m> a Doct: Pomerano / ex quatuor Euangelistis vsq<ue> ad historia<m> resurrectionis."). Da der Gottesdienst fortan in der Landessprache gehalten werden sollte, mussten entsprechende Übersetzungen angefertigt werden:

Norwegisch
Dies im Gegensatz zur Sprache Norwegens, die diese Stellung im dänischen Gesamtstaat niemals erlangen sollte. 1536 war die Selbstverwaltung Norwegens beendet und die Personalunion Dänemarks und Norwegens de facto durch eine Realunion ersetzt worden. Zu deutsch: Norwegen wurde seither wie eine Provinz, eigentlich wie ein Nebenland Dänemarks verwaltet. Island und die Färöer-Inseln, die ursprünglich Teile des Königreiches Norwegen gewesen waren, wurden im Laufe der Zeit direkt von Dänemark aus verwaltet. Teile Norwegens wurden von Schweden erobert. Zeitgenössische Quellen in norwegischer Sprache zur Reformation sucht man wohl vergebens.

(Siehe auch die frühen skandinavischen Bibelübersetzungen.)

 

Die Zerstoerung Magdeburgs (1631)Die Zerstörung Magdeburgs (1631) Der Abbruch des niederdeutschen Bibeldrucks (1623-1629) im Dreißigjährigen Krieg
Die niederdeutsche Bibel wurde bis in das 17. Jh. hinein regelmäßig neu aufgelegt. Die meines Wissens letzte niederdeutsche Vollbibel erschien 1623 während des Dreißigjährigen Krieges bei Johann Vogt in Goslar (Drucker) und Johannes und Hinrick Stern in Lüneburg (Verleger)5. Das meines Wissens letzte niederdeutsche Neue Testament erschien 1629 bei demselben Verleger und demselben Drucker.6

Der Dreißigjährige Krieg war 1618 in Böhmen ausgebrochen und griff 1620 auf Deutschland über. Teile Westfalens waren bereits seit der Schlacht bei Stadtlohn (1623) besetzt, es folgte die Besetzung von Teilen Niedersachsens durch kaiserliche Truppen infolge der Schlacht bei Lutter am Barenberge (1626). 1629 sah es kurzzeitig so aus, als ob sich die Partei des Kaisers endgültig durchgesetzt hätte Die Einmischung auswärtiger Mächte (ab 1630) beendete jedoch die Ruhepause und vergrößerte und verschlimmerte das Kriegschaos. Bei Kriegsende (1648) hatten sich weite völlig verwüstete Gebiete entwickelt, durch die man tagelang ziehen konnte, ohne einem Menschen zu begegnen.

Der schwedische Feldherr Johan Banér schrieb der Stadt Erfurt, die ihn um Hilfe ersucht hatte, 1639, dass er sie nicht auf direktem Wege erreichen könne, da das Gebiet zwischen Oder und Elbe zu verwüstet sei: "Ich würde euch schon lange zu Hülfe gekommen sein, wenn nicht zwischen der Oder und Elbe alles so verwüstet wäre, dass daselbst weder Hunde, noch Katzen, geschweige Menschen und Pferde sich aufhalten können. Durch solche Lande, die der Feind wegen Hungers und Jammers hat verlassen müssen, kann ich meine Armee nicht führen." (vgl. Vormbaum, 1837, S. 90).

Wittenberg und Magdeburg waren die Zentren des niederdeutschen Bibeldrucks gewesen.

Der Abbruch niederdeutschen Bibeldrucks bedeutete noch keinesfalls das Ende der Niederdeutschen als Kirchensprache. Direkt zu Kriegsende erschien eine Reihe niederdeutscher Werke mit biblischen Texten, die bei Johannes und Hinrick Stern in Lüneburg gedruckt worden waren: Lüneburg, 1647, Lüneburg, 1649, Luther, 1651, Luther, 1652 und Bugenhagen, 1653.

Noch bis in das 18. Jh. erschienen weniger aufwendige, offensichtlich für den Gottesdienst bestimmte niederdeutsche Lektionare: Lüneburg, 1647, Münster, 1685 und Münster, 1706.

In Schwedisch-Vorpommern wurden noch bis in das 18. Jh. hinein (zweisprachige) Ausgaben der pommerschen Kirchenordnung gedruckt: Pommern, 1661, Pommern, 1690, Pommern, 1691 und Pommern, 1731.

 

Nach dem Abbruch (1704)

Der aus Tondern stammende Theologe Bernhard Raupach vertrat in seiner Dissertation (Rostock, 4. Oktober 1704) De lingvae Saxoniae inferioris neglectu atque contemptu iniusto ("Von Unbilliger Verachtung der Plat-Teutschen Sprache") die Ansicht, dass die Verdrängung der niederdeutschen Kirchen- (und somit Schul)sprache durch die hochdeutsche dem Christentum und dem allgemeinen Bildungsstand in Niederdeutschland sehr geschadet habe:

Titelblatt einer Schrift, mit der Raupach sich gegen Anfeindungen zur Wehr setzte
Titelblatt einer Schrift, mit der Raupach sich gegen Anfeindungen zur Wehr setzte (Rostock und Stralsund, 29. November 1704), NoC-NC/1.0
"Ich scheue mich keinesfalls zu versichern, dass das Christentum bei den einfachen Leuten größere Rückgänge, aber nur kleinere Zuwächse erfahren hat, seitdem jene [die meißnische (hochdeutsche) Bibel] zusammen mit anderen meißnischen (hochdeutschen) Büchern in unser (Nieder)sachsen eingedrungen ist und vor der Fassung in der Volkssprache unseren Laien anbefohlen wurde. Welche Glut, bitte, kann im Lesen und in der Anwendung der Bibel sein, welcher Eifer, wo ich eher gezwungen bin, den Sinn einzelner mir unbekannter Wörter mit Zögern zu erraten, als dass ich den Zusammenhang begreifen kann? Man wird zwar einräumen müssen, dass vor allem unter den besser Gebildeten, die meißnische (hochdeutsche) Sprache in unseren Landen soweit entwickelt ist, dass sie die meißnische (hochdeutsche) Bibel mit Leichtigkeit verstehen können. Indessen steht es jedoch nicht weniger fest, dass sich auch heute nicht nur weniger Gebildete, sondern auch um einiges kultiviertere Leute finden lassen, denen in der meißnischen (hochdeutschen) Fassung gewisse unbekannte Worte begegnen, während in der sächsischen (niederdeutschen) Fassung dieselben Textstellen allen vollkommen begreiflich sind. Vor allem aber hat man das ländliche, rohe und unwissende Volk vor diesem Hintergrund zu sehen, dessen Gemüter vielen, die mit ihm Kontakt hatten, unkultiviert und von langer Untätigkeit beeinträchtigt vorkommen."

"Weit davon entfernt zu bezweifeln, dass diese, wenn sie die meißnisch (hochdeutsch) übersetzte Schrift lesen, nicht den Sinn aller Textstellen erfassen können, habe ich dieses auch erfahren: Ich habe einen Mann kennengelernt, der in einer Stadt voller zivilisierter Menschen geboren worden war und wegen der Dienerschaft, der er vorstand mit jungen bis alterwührdigen Leuten verkehrte, der aber wirklich unwissend war. Dieser las irgendwann einmal Kapitel III des Matthäusevangeliums und als er bei Vers 12 und dessen Worten Er wird seine Tenne fegen angekommen war und er gefragt wurde, ob er wissen wollte, was der Ausdruck eine Tenne bedeute, antwortete: Wat scholl ick dat nich weten / dat is een Dannenboem. Vollkommen absurd, der Sinn der Worte, den er sich zusammengereimt hatte! Ja, viele ersinnen manchmal sogar noch viel absurdere Bedeutungen von Textstellen der Schrift. Dass hierin nicht so so sehr fehlendes Urteilsvermögen liegt, wie Unkenntnis der meißnischen (hochdeutschen) Sprache, lässt sich nicht bezweifeln. Ob dies nicht genug Grund ist, dass die Lektüre der sächsischen (niederdeutschen) Fassung vor der anderen unseren Sachsen mit größtem Nachdruck empfohlen werde, um nicht zu sagen, dass sie dazu gedrängt werden sollten? Und warum sollte sie nicht empfohlen werden? Sie ist akkurat genug und entspricht dem Urtext nicht weniger genau."

"Posteaquam enim illa [Biblia Misnica] unà cum aliis Misnicis libris in Saxoniam nostram intrusa praeque vernacula versione commendata nostris fuit Laicis, Christianismum apud plebejos majora decrementa, incrementa verò minora expertum esse, asserere minimè vereor. Quis enim, quaeso, in Bibliis legendis & ad usum applicandis fervor, quod studium esse potest, ubi singulorum prius vocabulorum mihi ignotorum significationem vel cum taedio hariolari teneor, quàm ipsum contextum intelligere possum? Equidem concedendum erit, linguam hodiè Misnicam, apud politiores maximè, ita nostris in terris esse excultam, ut facili etiam negotio Biblia Misnica intelligere valeant; interim tamen certissimum non minus est, hodienum quoque nos inter, non simpliciores tantum, verum & cultiores aliquando, reperiri, quibus in versione Misnica planè ignota quaedam occurrunt vocabula; cùm è contrario in Saxonicâ eadem Scripturae loca sunt intellectu omnibus quàm facillima. Potissimum autem de agresti, rudi ac indocili plebe intellecta haec sunto, cujus ex coetu plurimis inculta sunt longaque rubigine laesa ingenia.
Eos Scripturam Misnicè translatam legentes non omnium habere locorum sensum posse, tantum abest ut dubitem, ut potiùs expertus illud fuerim. Novi hominem quendam in majori aliqua & politis incolis abundante urbe natum, ob famulitium, quod praestabat, cum honestis Viris à teneris fermè versatum, sed juxta verè simplicem, qui legens aliquando Caput III. Evang. Matthaei, cûm ad v. 12. pervenerat ejusque verba: Er wird seine Tenne fegen; interrogatus, num etiam, quid vox illa: eine Tenne / sibi velit, intelligeret? illicò respondebat: Wat scholl ick dat nich weten / dat is ein Dannenboem. Absurdus planè, quem sibi formaverat, verborum conceptus! Quin & multi multò adhuc absurdiores nonnunquam sibi confingant locorum Scripturae sensus, non tàm, quae in illis est, judicii ruditàs, quàm lingvae Misnicae ignorantia dubitare haud permittit. Annê verò hoc satis causae est, ut Saxonica versio, prae alterâ, Saxonibus nostris summo commendetur opere, ne dicam legenda obtrudatur? Et cur non commendanda? Accurata satis est, Originali Textui non minus apprimè respondens."
(De lingvae Saxoniae inferioris neglectu atque contemptu iniusto S. 50.)

Es folgt ein Vergleich einiger Textstellen aus der niederdeutschen und der hochdeutschen Bibel.

"Was angeführt wurde, genügt unserer Demonstration, dass nicht alle Sachsen (Niederdeutsche) die meißnische (hochdeutsche) Fassung der Bibel genau verstehen können. Was würde es also bringen, die sächsische (niederdeutsche) Bibel wiederum einzuführen? Dass alle zusammen diese nicht nur lesen, sondern auch verstehen können. Denn was der Menge der Menschen vorgesetzt werden soll, muss in Worten verfasst sein, die aus der Mitte des Volkes kommen, sodass diese deren Sinn zu erfassen vermögen."

"Haec autem adducta sufficere possunt demonstrationi nostrae, non posse Saxones omnes Misnicam Bibliorum versionem exacteè intelligere. Quidni igitur conduceret Saxonicam rursus introducere? ut non legere solum, sed intelligere quoque eam possint ad unum omnes. Quae enim vulgo hominum proponenda, quo eorum capere sensum queant, verbis è media plebe desumtis concepta esse oportet."

"Was über die sächsischen (niederdeutschen) unserem Urteil nach vorzuziehenden Bibeln zu sagen ist, muss man gleichermaßen über die Gebetbücher sagen. Heute müssen die weniger Gebildeten meißnische (hochdeutsche) Worte aufsagen, was sie aber beten, wissen sie häufig nicht. Die Priester bemühen sich, wie sie sagen, den Glauben implizit den weniger Gebildeten nahezubringen, indem man sie sagen lässt zu glauben, dass Christus der Heiland der Welt sei im Glauben, dass wahr ist, was die Kirche glaubt, während man nicht weiß, was das ist, was die Kirche glaubt. Besonders wird über nicht wenige von unseren Landbewohnern und anderen zu sagen sein, dass jene für das Heil der Kirche und des Staates beten, auch wenn sie kein Verständnis dafür haben, was das ist, während sie die vorgeschriebene Formel auf Meißnisch (Hochdeutsch) beten, die unsere ganze Kirche betet. Gänzlich verdienstlos ist jene Sitte der Priester, durch die den Ungelehrten und Frauen Gebetsformeln wie auch Lieder in einer Sprache vorgeschrieben werden, die ihnen vollkommen unbekannt ist, der lateinischen, die auswendig zu lernen und nachher aufzusagen sind, wie die Sache bei uns in jenem Sprichworte auf den Punkt gebracht wird, wenn man sagt: Er betet es her / wie die Nonne den Psalter, das heißt ohne Verständnis, ohne Einsicht. Und warum wollen wir selbst, dass weniger gebildete Sachsen (Niederdeutsche) in einer ihnen selbst unbekannten Sprache beten? Die meißnische (hochdeutsche) verstehen sie nicht genug, während jener allwissende GOTT, an den sie sich wenden, das Sächsische (Niederdeutsche) versteht. Und nicht verachtet jener, wie auch wir, was dessen freigebige Güte uns als sein Geschenk gegeben hat, ich meine unsere Sprache, jene göttliche sächsische (niederdeutsche) Sprache. Und nicht sind unsere Vorfahren mit ihren vollen Gebetsformeln in der Landessprache vom Heiligen Geist verlassen worden, und wir würden uns nicht von diesen abwenden, wenn wir nicht charakterlos, um nicht zu sagen dumm, unsere Sprache verachteten."

"Quod de Bibliis Saxonicis apud nos praeferentis, idem illud de Libris Precationum dicendum judicamus. Misnica simpliciores proferre verba soliti hòdiè sunt, quid verò precentur ipsi saepè ignorantes. Ponificii fidem, ceu loqvuntur, implicitam sufficere simplicibus contendunt, qua Christum esse mundi Redemtorem credere dicitur credens vera esse, quae Ecclesia credit, utut ignoret, quaenam illa sint, quae credit Ecclesia. Fortè de nostris ruricolis aliisque non paucis dicendum erit, illos orare pro Ecclesiae ac Reipublicae salute, dum juxta praescriptam misnicè formulam precantur, quae tota nostra Ecclesia precatur, etiamsi quae ea sint cognitum non habeant. Acriter ex merito perstringitur ille Pontificiorum mos, quo indoctis faeminisque precationum praescribuntur formulae uti & cantilenae in lingvua penitus ipsis ignota, Latinâ, ediscenda ac postmodum recitanda; ut in proverbium illud apud nos abierit, cum dicitur: Er betet es her / wie die Nonne den Psalter / i.e. sine sensu, sine intelligentia. Eccur autem ipsimet nos volumus, in Lingva ipsis ignota rudiores Saxones preces fundere? Misnicam illi non satis intelligunt, intelligente Saxonicam, ad quem diriguntur, DEO illo omniscio. Nec ille, uti nos, quod benignitas ejus nobis largita, donum suum, lingvam intelligo nostram, divinam illam Saxonicam, contemnit. Neque divino Spiritu plenis precatiònum formulis in lingva sua vernacula Majores nostri destituti erant, quibus nec nos destitueremur, si modo non adeò frivolè, ne dicam stolidè, lingvam nostram despectui haberemus."
(De lingvae Saxoniae inferioris neglectu atque contemptu iniusto S. 55.)

An anderer Stelle schreibt Raupach zu den verschiedenen niederdeutschen Bibelübersetzungen:

"Diesen bislang angeführten Argumenten, unsere sächsische (niederdeutsche) Landessprache nicht zu vernachlässigen oder zu verachten, füge ich jenes zwar letztes, aber dennoch nicht weniger gewichtiges Argument hinzu, dass in dieser Literatur nicht wenige, und noch dazu höchst nützliche Bücher zur Verfügung stehen, sei es, dass man diese in der heiligen, sei es, dass man diese in der weltlichen Literatur sucht. Die Ehrfurcht vor der heiligen Schrift gebietet es, zuerst die in unsere Landessprache übersetzten Bibelausgaben zu erwähnen."

"Wie tüchtig die Sachsen (Niederdeutschen) sich in diesem Geschäfte aber schon vor Luthers Zeiten erwiesen haben, beweist im Überfluss die Vielfalt der damals schon herausgegebenen Übersetzungen, unter welchen jene sehr alte Kölner Ausgabe unsicherer Entstehungszeit [Siehe die Kölner Bibel.] und die Lübecker Ausgabe aus dem Jahre 1494 [Siehe Lübeck, 1494.] mit Anmerkungen von Lyra hervorstechen, über deren Leistung und Ruhm man dankenswerterweise von Kortholt [Siehe in der Literaturliste.] wie auch von Mayerus [Siehe in der Literaturliste.] informiert wird."

"Und nicht werde ich von den anderen als Beispiel bekannter Übersetzungen der Lutherschen Textfassung in unsere Landesprache, nämlich der Bugenhagens [Siehe Lübeck, 1533/34.], der Wolders [Hamburg, 1596.] und der Pommerschen, im Auftrage des erhabenen Herzogs Bogislaw Anno 1588 gedruckten [Siehe Barth, 1588.] hier viel hinzufügen. Diese werden nämlich bis heute in vieler Leute Bibliotheken aufbewahrt."

"Hisce pro non negligendâ aut contemnendâ lingâ Saxonicâ nobis vernaculâ allatis hactenus argumentis illud, quanquam ultimum, non tamen minus arduum adjungo, quod non pauci, iique utilissimi, in eâdem prostant libri, sive, in sacra eos, sive in profanâ desideres literaturâ. Primam S. Bibliorum in vernaculam nostram translatorum injiciendam mihi mentionem esse, ipsa S. Codicis postulat reverentia. Quod autem jam ante Lutheri tempora Saxones hoc in negotio sese exhibuerint diligentes, versionum jam tum editarum varietas abundè demonstrat, inter quas pervetusta illa Coloniensis, incerto tempore; & Lubecensis, Anno 1494. cum Notis Lyrae, editae eminent, de quarum prestantia ac laudibus B. Kortholtus ut & Magn. Dn. D. Mayerus consuli merentur. Nec erit, ut dè aliis ad exemplar versionis Lutheri evulgatis in nostram lingvam translationibus, utpote Bugenhagii, Wolderi, Pomeranorum, ex mandato Seren. Ducis Bogislai, Anno 1588 impressis, hic multa addam, utpote quae in multorum adhuc Bibliothecis asservantur."
(De lingvae Saxoniae inferioris neglectu atque contemptu iniusto, S. 58.)

Der Richtigkeit halber sei hier erwähnt, dass Bugenhagen nicht der Übersetzer der niederdeutschen Bibel, sondern deren Herausgeber gewesen war und dass die Ausgaben Barth, 1588 und Hamburg, 1596 keine neue Übersetzungen, sondern Neuausgaben des niederdeutschen Bibeltextes waren. Dennoch lässt sich sagen, dass Raupach gut über die Geschichte der niederdeutschen Bibel unterrichtet war. Die niederdeutschen Lutherbibeln kannte er offenbar aus eigener Anschauung, während er wohl über die niederdeutschen Bibelübersetzungen aus der Zeit vor Luther nur gelesen hatte.

Interessant ist, dass Raupach davon ausging, dass es in vorreformatorischer Zeit neben der Kölner und der Lübecker noch eine Vielzahl anderer niederdeutscher Bibeln gegeben habe. Hatte Raupach von der Halberstädter (1520/22) und vielleicht noch anderen, uns nicht mehr bekannten niederdeutschen Bibelübersetzungen gehört? [Man vergleiche Fußnote 7.] Oder hielt Raupach die zahlreichen hochdeutschen Bibelausgaben aus vorreformatorischer Zeit, die er vielleicht vom Hörensagen kannte, für niederdeutsche Bibeln?

 

Karte: Das Mosaik der niederdeutschen Dialekte nach Wikipedia
Das Mosaik der niederdeutschen Dialekte nach Wikipedia.
Es lässt sich wohl kaum eine Dialektkarte finden, die allgemein akzeptiert wird.

Moderne Mundartbibeln und Ausblick (1885 - )

Nach dem Erlöschen der alten niederdeutschen Kirchensprache erschien 1885 zum ersten Mal wieder ein neues Testament auf Niederdeutsch. Bezeichnenderweise handelt es sich bei diesem Neuen Testament um eine Übertragung des Bugenhagenschen Textes in eine moderne regionale Mundart (Paulsen, 1885).

Kennzeichen der heutigen Mundartbibeln ist es, dass sie in einer mehr oder weniger kleinräumigen niederdeutschen Mundart geschrieben sind. In der Schreibweise lehnen diese Bibeln sich im Grunde alle an das Hochdeutsche an: Das Niederdeutsche wird phonetisch mit den Mitteln der hochdeutschen Rechtschreibung geschrieben. Wie es scheint, ist unter den herrschenden kulturellen Umständen einzig niederdeutsche Mundartliteratur lebensfähig und praktikabel.

Die Nachteile sind freilich auch nicht zu übersehen: Es findet kein intellektueller Austausch auf niederdeutsch statt, da die Autoren auf ihr eigenes Mundartgebiet beschränkt bleiben. Ein breit getragenes, sich über viele Jahre hinziehendes Projekt wie die niederdeutsche Bibelübersetzung des 16. Jhs. ist unter den gegenwärtigen Umständen überhaupt nicht vorstellbar.

Die gängige Praxis zementiert ungewollt den ungerechtfertigten Status des Niederdeutschen als Dialekt. Man muss sich fragen, wohin die im 19. Jh. begonnene Wiederbelebung des Niederdeutschen als Kirchensprache eigentlich führen soll.

Ich habe auch keine Lösung dieses Dilemmas anzubieten, bin aber der festen Überzeugung, dass eine Rückbesinnung auf die Tradition der alten überregionalen niederdeutschen Kirchenliteratur notwendig ist.

Festzuhalten bleibt, dass das Niederdeutsche eine eigenständige Sprache mit Dialekten ist. Deren gemeinsame überregionale Schriftsprache ist eben nicht das Hochdeutsche, sondern offenbart sich in der Sprache der niederdeutschen Bibel.

 


1 Mit sechsischer sprache meint Luther "niederdeutsche Sprache" Der Ausdruck war allgemein gebräuchlich und war auch im Niederdeutschen selbst geläufig: Es finden sich Ausdrücke wie Sassisch, Sassisck, Sassesch, Sessisch, Sassch. Hauptsächlich in späterer Zeit wurden Ausdrücke wie Neddersaxisch, Neddersassesck, Neddersassk gebraucht.
Der Ausdruck Plattdütsk als Eigenbezeichnung des Niederdeutschen kam erst nach Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) auf, von dem sich die niederdeutsche Schriftsprache nie wieder erholt hat. Die beiden frühesten mir bekannten Belege des Wortes Plattdütsk finden sich in Bohrblad, 1653 und Niedersächsische Einfälle, 1654. Der früheste mir bekannte Beleg des Wortes Nedderdütsk findet sich in Lauremberg, 1652.

Der häufig auf Titelblättern niederdeutscher Bibeln erscheinende Begriff düdesch ist als "Volkssprache im Gegensatz zum normalerweise geschriebenen Latein" zu verstehen, wie aus den Ausdrücken yn Sassyscher sprake... verdüdeschet und Sassessche Düdesch hervorgeht. Außerdem dürfte hierbei das Titelblatt der hochdeutschen Vorlage eine Rolle gespielt haben.

In der mecklenburgischen Kirchenordnung von 1557 erscheint der Ausdruck Sassissche[n] Lande "sächsische (niederdeutsche) Lande" in einem Zusammenhang, der nahelegt, dass das Gefühl der Zusammengehörigkeit der niederdeutschen Lande bei der Ausbreitung der Reformation eine Rolle gespielt hat.

2 Ich führe die Trennung des Nordniedersächsischen vom Ostfälischen und Westfälischen auf die Entstehung der Lüneburger Heide zurück, die im Mittelalter viel größer als heute und nahezu unbewohnbar war. Räuberbanden machten die Durchquerung der Ödnis zu einem unkalkulierbaren Wagnis.

Ein weiteres historisches Zeugnis der niederdeutschen Dialektlandschaft findet sich auf S. 8 der 1704 erschienen Dissertation De lingvae Saxoniae inferioris neglectu atque contemptu iniusto ("Von Unbilliger Verachtung der Plat-Teutschen Sprache") des Theologen Bernhard Raupach:

"Und dieses wird außerdem zu bemerken sein, dass, wenn wir Meißnische Sprache in der Abhandlung sagen, wir die übrigen Sprachen Oberdeutschlands wie die der Franken, der Thüringer, der Elsässer, der Schlesier mit den anderen nicht auslassen wollen. Aber diese werden auch zusammengefasst Meißnisch genannt, weil die unseren dieselbe den übrigen gemeinsam vorziehen und glauben, dass diese von allen die am meisten entwickelte ist und sie diese am meisten wertschätzen. Im weiteren Verlauf werden wir ohne alle Zweideutigkeit zeigen, dass zu Unrecht die Sprache Niedersachsens, nämlich die Lüneburgische [Gemeint ist wohl die Braunschweigisch-Lüneburgische, das heißt das Ostfälische.], die Pommersche, die Mecklenburgische, die Holsteinische, die Westfälische und die übrigen diesen verwandten vernachlässigt und verachtet wird."

"Et hoc praeterea advertendum erit, quod cum Misnicum in tractatione nostrâ idioma dicimus, non reliquas superioris Germaniae linguas ut Francorum, Thuringorum, Alsatorum, Silesiorum, cum ceteris exclusas velimus; sed istis quoque comprehensis Misnicam nominari, quoniam eandem nostri reliquis communiter praeferunt & omnium elegantissimman credunt sibique existimant gratissimam. Sic que omni remotâ ambiguitate, injustè linguam Saxoniae inferioris, utpote Luneburgicam, Pomeranicam, Mecklenburgicam, Holsaticam, Westphalicam, & reliquas iisdem cognatas, negligi atque contemni, demonstraturi sumus."

3 Mittelniederdeutsches o und oe werden im Ostwestfälischen noch immer als au und ou unterschieden.

4 Im heutigen Westfälischen sagt man bzw. .

5 Jahreszahl 1623 auf dem Titelblatt. Im Kolophon jedoch 1621. Wahrscheinlich ist der Druck aus dem Jahre 1621 - vielleicht in überarbeiteter Form - mit einem neuen Titelblatt wiederum in den Handel gebracht worden.

6 Da ich das Buch in keinem Bibliothekskatalog finde, gebe ich an dieser Stelle die Titeldaten wieder: Dat Nie Testamente. Vordüdeschet dörch D. Mart. Luther. Mit den korten Summarien D. Leonharti Hütteri / Wandages Professoris tho Wittenberch. Goßlar Gedrücket by Johann Vogt / Jn vorlegginge Johannes vnde Hinrick Stern / Boeckföhrers tho Lüneborch / Jm Yahre J629.

7 Möglicherweise ist die Ausgabe Lübeck, 1494 nicht die erste zu Lübeck gedruckte niederdeutsche Bibel. Im Verkaufskatalog (um 1478) des damals in Lübeck tätigen Druckers Lucas Brandis heißt es: "Jtem de Biblie mit den figuren des olden vnde nien testamentes". Dass keineswegs eine lateinische Bibel zum Verkauf angeboten wurde, zeigt der Titel des Katalogs: "witlik sy allen luden dat hir sind to kope desse nagheschreuene boke in dudesch".

 

Literatur

Zur niederdeutschen Bibelübersetzung

Zu einzelnen Bibelausgaben

Zur Reformationsgeschichte

Zu Johan Bugenhagen

Zu Antonius Corvinus

Zum Niederdeutschen

Kataloge und Bibliographien

Karten

Zeitgenössische Karten

 

 

Wichtige Ausgaben ("Meilensteine")

Erscheinungsort und -jahr (Teil)übersetzung der Bibel Übersetzer/Herausgeber/Autor Vorlage
Köln, um 1478 Vollbibel Übersetzer unbekannt Lateinische Vulgata
Lübeck, 1494 7 Vollbibel Übersetzer unbekannt Lateinische Vulgata
Kölner Bibel
Halberstadt, 1520/22 Vollbibel Übersetzer unbekannt Lateinische Vulgata
Lübecker Bibel
Hamburg, 1523 Neues Testament Übersetzer unbekannt Übersetzung Luthers
Halberstädter Bibel
Lateinische Vulgata
Wittenberg, 1523
Umdruck 1528
Pentateuch Übersetzer unbekannt Übersetzung Luthers
Andere Vorlagen?
Wittenberg, 1523
Umdruck 1528
Neues Testament Theodoricus Smedecken (Übersetzer) Übersetzung Luthers
Hamburg, 1523
Halberstädter Bibel
Köln, 1524? Neues Testament Unbekannt Übersetzung Luthers
Wittenberg, 1524 Neues Testament
Vorrede NT 1 ohne den letzten Satz
Übersetzer unbekannt
Johannes Bugenhagen (Herausgeber)
Johannes Bugenhagen (Autor Vorrede NT 1)
Übersetzung Luthers
Urtext
Wittenberg, 1525 Neues Testament
Vorrede NT 1
Übersetzer unbekannt
Johannes Bugenhagen (Herausgeber)
Johannes Bugenhagen (Autor Vorrede NT 1)
Übersetzung Luthers
Urtext
Wittenberg, 1525d Psalme Übersetzer unbekannt Übersetzung Luthers
Urtext?
Erfurt, 1526 Neues Testament
Summarien
Unbekannter Autor der Summarien Übersetzung Luthers
Urtext
Wittenberg, 1529
Ursprünglich Magdeburg, 1526?
Neues Testament
Vorrede NT 1 und Vorrede NT 2
Summarien
Johannes Bugenhagen (Herausgeber)
Johannes Bugenhagen (Autor Vorrede NT 1, Vorrede NT 2 und der Summarien)
Übersetzung Luthers
Urtext
Erfurt, 1530 Hiob bis Hohes Lied Salomons Übersetzer unbekannt Übersetzung Luthers
Urtext?
Magdeburg, 1531/32 Josua bis Esther Übersetzer unbekannt Übersetzung Luthers
Urtext?
Lübeck, 1533/34 Vollbibel
Vorrede AT, Vorrede NT 1 und Vorrede NT 2
Summarien
Randglossen
Übersetzer unbekannt
Johannes Bugenhagen (Herausgeber),
Johannes Bugenhagen (Autor Vorrede AT, Vorrede NT 1, Vorrede NT 2, Summarien und Randglossen)
Übersetzung Luthers
Urtext
Wittenberg, 1541 Vollbibel
Summarien Bugenhagens und dazugehörige Vorrede
Summarien Veit Dietrichs und dazugehörige Vorrede
Johannes Bugenhagen (Herausgeber),
Johannes Bugenhagen (Autor der Summarien)
Veit Dietrich (Autor der Summarien)
Summarien und Randglossen weitgehend aus dem eigentlichen Text entfernt und mit eigener Vorrede dem Bibeltext angehängt, außerdem eine Übersetzung der Summarien Veit Dietrichs.
Hamburg, 1596 Vollbibel
Summarien
Einteilung in Verse
David Wolder (Herausgeber)
Veit Dietrich (Autor der Summarien)
Neuausgabe des niederdeutschen Bibeltextes in überarbeiteter Rechtschreibung unter Berücksichtigung der hochdeutschen Übersetzung Luthers und des Urtexts(?). Einteilung in Verse. Übersetzung der Summarien von Veit Dietrich.
Goslar und Lüneburg, 1618/19 Vollbibel
Summarien
Einteilung in Verse
Leonhard Hutter (Autor der Summarien) Summarien von Leonhard Hutter.
Goslar und Lüneburg, 1621/23 Letzte bekannte Vollbibel    
Goslar und Lüneburg, 1629 Letztes bekanntes Neues Testament    

 

Stand: 2. Oktober 2019

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Geschichte der niederdeutschen Bibel
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